Warten auf … – Literarischer Wochenendgruß vom 18.12.15

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

kennen Sie noch aus früheren Zeiten die Fernseh-Sendung „Wir warten auf das Christkind“? Sie sollte uns Kinder die spannende Zeit vor der Bescherung verkürzen und besinnlicher werden lassen.

Worauf warten wir in diesen Tagen der Advents- und Weihnachtszeit? Auf große Geschenke? Auf besinnliche und ruhige Tage in der Familie, mit Freunden, Bekannten? Auf stille Momente nach einer Zeit der Unruhe?

Die nachfolgenden Texte und die Fotos von Marina Rupprecht und Hans Joerg Kampfenkel mögen uns einstimmen auf das Weihnachtsfest.

12388051_917583638317405_1236411811_n-02

Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

Das Wunderbare

Wir alle warten unsre besten Jahre
Auf das, was niemals kommt, das Wunderbare.
In eines Zaubergartens Heimlichkeit
Ist es verborgen und doch stets bereit.
Und mit dem Lockton himmlischer Gitarren
In einem ewigen Sehnsuchtstraum zu narren.

Doch niemand hat’s, solang der Himmel blaut,
In Wirklichkeit erlebt und angeschaut,
Und doch lasst keinen sich den frommen Glauben,
Dass es doch einmal kommen werde rauben.

Und also voll Gewalt ist sein Gesang,
Dass jedes Menschenherz sein Leben lang
Geduldig und in kindlichem Erwarten
Hineinlauscht in den dunklen Zaubergarten.

Johnannes Öhquist
(1811- 1883) schwedischer Dichter

044-IMG_6640

Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

In der Heiligen Nacht tritt man gern einmal aus der Tür und steht allein unter dem
Himmel, nur um zu spüren, wie still es ist, wie alles den Atem anhält, um auf das Wunder zu warten.

Karl Heinrich Waggerl

12388103_917583628317406_1677431269_n-02

Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

0812_Dez1 031_1-03

Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Es war einmal ein junger Bauer, der wollte seine Liebste treffen. Er war ein
ungeduldiger Geselle und viel zu früh gekommen. Und verstand sich schlecht aufs‘
Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling und die Pracht der
Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der
Welt. Da stand plötzlich ein graues Männlein vor ihm und sagte: Ich weiß, wo dich
der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an dein Wams. Und wenn du auf
etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst du nur den Knopf
nach rechts zu drehen, und du springst über die Zeit hinweg bis dahin, wo du willst
Er nahm den Zauberknopf und drehte: und schon stand die Liebste vor ihm und
lachte ihn an. Er drehte abermals: Und saß mit ihr beim Hochzeitsschmaus. Da sah
er seiner jungen Frau in die Augen: Wenn wir doch schon allein wären…Wenn unser
neues Haus fertig wäre…Und er drehte immer wieder. Jetzt fehlen uns noch die
Kinder und drehte schnell an dem Knopf. Dann kam ihm neues in den Sinn und
konnte es nicht erwarten. Und drehte, drehte, daß das Leben an ihm vorbeisprang,
und ehe er sich’s versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett. Und merkte, daß er schlecht gewirtschaftet hatte. Nun, da sein Leben verrauscht war,
erkannte er, daß auch das Warten des Lebens wert ist.

Und er wünschte sich die Zeit zurück.

Heinrich Spoerl

12366951_917112871697815_251857777_n

Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

Stille Nacht,
heilige Nacht
achtsam warten
leer werden von Erwartungen
sich tief erfüllen lassen
vom verbindenden Lebensstern Gottes

Stille Nacht
heilige Nacht
achtsam geschehen lassen
offen sein für das Entgegenkommen Gottes
im Dunkel meiner Zweifel
im aufmerksamen Mitfühlen mit allen Geschöpfen
im Staunen über den Sternenhimmel
im gastfreundlichen Teilen von Brot und Rosen

Stille Nacht
heilige Nacht
einfach da sein
achtsam in Erwartung sein
damit alles sich ereignen kanni
in der Menschwerdung Gottes

Pierre Stutz
Schweizer Theologe

12388103_917583641650738_1934749252_n-02

Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

Das stete Warten
Nicht wissend worauf !
Doch hoffend, und bangend…
Dieses Zittern davor, dies Beben,
tief drin, ganz eigenständig,
dem nicht habhaft werdend,
und doch sich einlassen wollend
auf unbekanntes Land im Andern, auch Mir…
Wenn es denn nur schon käme,
das Erhoffte, und es auch existierte,
das Erwünschte,
JA DANN müsst ich nicht mehr zittern,
es würde mich schaudern vor Glück !
Elfi Egger

Ich wünsche ein freudiges Warten an diesem 4. Adventwochenende. Der alljährliche Weihnachtsgruß erscheint diesmal am Mittwoch, 23.12. mit dem Titel „Angekommen“.

Ihr/Euer

Gerd Taron

PS: Ein Hinweis in eigener Sache:

Am Sonntag, 20.12. ab 16 Uhr lädt eine sehr liebe Freundin und Autorin zu einer besonderen Lesung ihres Buches „Erzähl mir Liebe“.

Ort:
Kelkheim-Ruppertshain, Ludwig-Schäfer-Weg 10 bei Michaela Scheid
In besinnlicher Atmosphäre können Sie sich mit Märchen am Kamin durch die Bilder in den Geschichten an die Hand nehmen lassen, um in Ihre Seelenlandschaft einzutauchen.
.
Der Eintritt ist frei, Gebäck und Glühwein sind willkommen.
Anmeldungen erbeten unter …Ananta Corte info@essenz-persoenlichkeit.de – telefonisch 06174-61174 (Michaela Scheid-Fischer)
Weitere Informationen unter:

https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/2015/12/16/erzaehl-mir-liebe-ein-roman-von-ananta-corte-buchvorstellung-und-lesung-am-sonntag-20-12-15/

Kontakt:
Gerd Taron
Langstraße 30
65779 Kelkheim-Fischbach
Tel. 06195-676695
E-Mail: verkauf@taron-antiquariat.de oder taron-antiquariat@gmx.de

Vom Warten – Literarischer Wochenendgruß vom 04.07.14

 

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,
am vergangenen Wochenende war ich wieder einmal unterwegs mit Bus und Bahn. Auf der diesmal sehr langen Fahrt nach Frankfurt-Fechenheim zum literarischen Nachmittag im Café Lounge Jasmin gab es diesmal längere Wartezeiten auf die jeweiligen Anschlüsse.
Aus diesem Erlebten entstand auch das Thema für die heutige Ausgabe „Vom Warten“.
Sehr viele von uns empfinden Warten als vertane Zeit – unnötig – ohne jeglichen Nutzen. Ist es wirklich so? Müssen wir deshalb überall und jederzeit erreichbar sein? Müssen wir deshalb in jedem Moment zum Handy, Smartphone greifen? Halten wir eine Zeit ohne Nichtstun, wie das Warten, noch aus?
Antoine de Saint-Exupéry hat dazu sehr schön formuliert:
Es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit
nicht als etwas erscheint,
das uns verbraucht oder zerstört,
sondern als etwas, das uns vollendet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Foto: Gerd Taron
Für denjenigen, der zu warten weiß, werden früher oder später auch die schönen Dinge kommen
Autor unbekannt
Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten,
bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.

~ Indianische Weisheit ~

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Foto: Gerd Taron

Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir schaffen sie selbst; sie liegt in unseren Herzen eingeschlossen.

– Fjodor Michailowitsch Dostojewski –

0706_Juni3 179_2-03
Foto: Hans Joerg Kampfenkel
Du wartest

Wartest du auf jemand,
auf diesen Menschen voll Güte,
voll Wunder und Mut,
sanft und dir zugewandt?
Wartest du auf den,
der da kommen soll, wie dein Retter?
Er ist da.
Sie ist da, voller Wahrheit und Tiefe.

Weil du ihn denken kannst,
weil du ihm eine Gestalt gibst,
ein Wesen mit einer Wirklichkeit,
weil du sie ersehnst, lebt sie in dir,
in den Fasern deines Wesens.
Deine Sehnsucht steht nach dir.

Die Verwandlung beginnt in deiner Mitte
und bewegt sich in Wellen nach außen.
Deine Knochen, Organe und Muskeln
werden zu Instrumenten des Lebens.
Deine Seele wird von deinem Herzen durchblutet,
und alles empfängt eine Bedeutung aus deiner Hand.

Spüre die Musik, die in dir steckt,
gib ihr nach, lass sie heraus,
sei Saite im Wind, sei Wind,
dein ganzes Wesen ist Klangkörper.
Höre deine Lebensworte,
diese Silben der Lust und des Staunens,
aus der auch heute noch die Welt entsteht.
Der Himmel ist hier und jetzt,
es gibt nur diese Wirklichkeit.
Nimm sie an.
Sie gehört dir, so wie du ihr.
Tritt ein.

Du stehst in der Mitte.
Du bist die, auf die alle gewartet haben.
Was du ersehnt hast, erfüllt sich.
Du bist zu Hause.

Ulrich Schaffer

1108_Aug(1) 130_2S-03
Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Die Zeit, die sich ausbreitet,
ist die Zeit der Geschichte.
Die Zeit, die hinzufügt,
ist die Zeit des Lebens.
Und die beiden haben nichts gemeinsam,
aber man muß die eine nutzen können
wie die andere.

(Antoine Saint-Exupéry)

1402_Feb(11) 166_1-03
Foto: Sonnenaufgang über „Mainhattan“ (Hans Joerg Kampfenkel)
Ich wünsche Ihnen, dass für Sie Warten sinn-volle Zeit bedeutet – eine Zeit der kurzen und manchmal auch längeren Be-sinnung.

Ihr/Euer

Gerd Taron