Sei still und lausche – Ein literarischer Klosterberg-Spaziergang mit besonderen Eindrücken und Klängen in Kelkheim im Taunus

Kelkheim, 18.10.2014

Wieder einmal war es soweit – ein literarischer Spaziergang in Kelkheim, Diesmal führte er auf die Höhen des Klosterbergs. Auch wenn sich die Teilnehmerzahl in Grenzen hielt, war es ein intensives Erleben, nicht nur wegen den ausgewählten Geschichten und Gedichten zum Thema „Alles hat seine Zeit“.

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Kalender-Auswahl bei Viola’s Bücherwurm – Foto: Gerd Taron

Der Reihe nach:

Treffpunkt war Viola’s Bücherwurm in der Bahnstraße 13. Beim Betrachten des schönen Schaufensters kam mir die Idee zum Thema des Spaziergangs. So viele schöne Kalender mit wunderbaren Motiven. Wie schnell das Jahr doch wieder vergangen ist. Dabei hatten wir doch gerade das neue Jahr begrüßt, so war das Gefühl. Aber das ist auch schon mehr als 9 Monate her.

Und da war noch etwas ganz Kleines was vor Viola’s Bücherwurm in aller Ruhe vor sich hinwächst: Ein Stiefmütterchen!

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Stiefmütterchen vor Viola’s Bücherwurm

Entdeckt von Annette Müller von Mode Annette Müller – fotografiert von Maren von Hoerschelmann

Über das kleine Stiefmütterchen gibt es später hier bei WordPress eine eigene Geschichte.

Es soll endlich losgehen – auf den Berg, wo das Wahrzeichen von Kelkheim steht: Das ehemalige Kloster. Das Wetter meinte es sehr gut mit uns. Strahlend blauer Himmel begleitete uns auf dem Weg.

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Das Wahrzeichen von Kelkheim – das ehemalige Kloster, heute katholische Kirche St. Franziskus

Dort oben las ich den passenden Text zum Thema aus dem Alten Testament des Predigers Salomo:

1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
2 eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
5 eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,
7 eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,
8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.
9 Wenn jemand etwas tut – welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt?
10 Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht.
11 Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte.1
12 Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt,
13 wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, das ein Geschenk Gottes ist.
14 Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn fürchten.
15 Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen.

Einheitsübersetzung

Zwischen den herbstlich gefärbten Bäumen auf der Höhe gab es dann einige Herbstgedichte. Hier folgt eines davon:

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Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke)

Weiter spazierten wir Richtung Hornau, wo ich von einer Teilnehmerin nach 21 Jahren (!) auf den alten Friedhof von Hornau aufmerksam gemacht wurde. Dort liegt die Familie von Gagern begraben, die hier im 19. Jahrhundert gelebt haben.

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Die katholische Kirche St. Martin in Kelkheim-Hornau

Die nächste literarische Rast hielten wir vor der Kirche St. Martin. Dort war vorgesehen mit zwei Texten zur Stille die Zeit betrachtet werden sollte.

Wir saßen auf einer Bank vor der Kirche, umhüllt von der zarten Herbstsonne.

Ich begann das Gedicht von Anne M. Pützer zu lesen:

SEI STILL UND LAUSCHE.

Sei still und lausche.
An alten Gemäuern und Ruinen
hörst du Geschichten flüstern.

Es ist ein Moment,
der dich einlädt zum innehalten.
Du tauchst ein in die Vergangenheit
und deine Vorstellungskraft malt dir
Bilder von früherem Leben,
von Menschen und ihren Gefühlen,
von Schicksal und Freude.
Du fühlst dich ein
und wirst Zeuge fremder Schicksale.
Gewesene Realität,
gelebte Geschichte.
Deine Gedanken,
dein Rückwärts- horchen,
dein Erinnern
weckt diese Zeit
für Minuten
zu neuem Leben.
Nichts und niemand
kann so vergessen werden.

Anne M. Pützer

Und dann begann es: In etwa 100 Metern wurde es sehr geräuschvoll. Ein Laubbläser nahm seine Arbeit auf, dazu Hammerschläge. Stille hört sich etwas anders an. Gegensätzlicher und grotesker hätte die Situation nicht sein können.

Nach etwa 15 Minuten endete der Lärm und es kehrte eine eigenartige Ruhe ein.
Mit einem Gedicht von Gottfried Keller endete ein ungewöhnlicher Spaziergang:

Stiller Augenblick

Fliehendes Jahr, in duftigen Schleiern
Streifend an abendrötlichen Weihern
Wallest du deine Bahn;
Siehst mich am kühlen Waldsee stehen,
Wo an herbstlichen Uferhöhen
Zieht entlang ein stummer Schwan.

Still und einsam schwingt er die Flügel
Tauchet in den Wasserspiegel,
Hebt den Hals empor und lauscht;
Taucht zum andern Male nieder,
Richtet sich auf und lauschet wieder,
Wie’s im flüsternden Schilfe rauscht.

Und in seinem Tun und Lassen
Will’s mich wie ein Traum erfassen,
Als ob’s meine Seele wär:,
Die verwundert über das Leben,
Über das Hin- und Widerschweben,
Lugt‘ und lauschte hin und her.

Atme nur in vollen Zügen
Dieses friedliche Genügen
Einsam auf der stillen Flur!
Und hast du dich klar empfunden,
Mögen enden deine Stunden,
Wie zerfließt die Schwanenspur!

Gottfried Keller

Gerd Taron

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Zur Ruhe kommen – Literarischer Wochenendgruß vom 08.08.14

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

in diesen Tagen ist es in unseren Städten und Dörfern ruhig geworden. Geschäfte haben Betriebsferien, viele Büros sind spärlich besetzt. Ferienzeit – Zeit, den Alltag etwas ruhiger angehen zu lassen.

Aber warum sollen wir nur in der geplanten Ferienzeit zur Ruhe kommen? Ist es nicht möglich, unsere Oasen der Stille auch in unserem normalen Alltag zu finden? Der heutige Wochenendgruß möchte Gedankenanstöße geben, nicht nur in den Ferien zur Ruhe zu kommen.

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Foto: Gerd Taron (in der Nähe des Atzelbergturms Kelkheim-Ruppertshain)

Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie andernorts zu suchen.
– François de La Rochefoucauld –

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Es gibt eine Stille,
in der man meint,
man müsse die einzelnen Minuten hören,
wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinunter tropfen.

Adalbert Stifter

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Während ich still sitze

Ich sitze mal wieder so still und leicht,
dass du mich wegpusten könntest.
Stundenlang bin ich Luft.
Währenddessen kommt die Flut herein
mit ihrem Spielzeug: Seetang, Muscheln,
Verkorkte Flaschen mit Hilferufen,
Schicksale von Nichtschwimmern.
Für sie alle hat die Flut
mehr Zeit als eine Uhr.

Still,
um mich nicht zu verraten,
durchquere ich Jahre
und erfinde dabei wahre Geschichten.
Ich lasse mich heimsuchen
und lebe für Unbekannte.
Ich nehme Pseudonyme an
und lege sie wieder ab.

Und wenn ich mich gleich wieder bewege
werde ich ein anderer geworden sein,
aber ich bleibe bei dem alten Gesicht,
um dir noch einen Anhaltspunkt zu geben.

Ulrich Schaffer

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Nur die Ruhe ist die Quelle
jeder grossen Kraft.

~ Fjodor M. Dostojewski ~

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Foto: Gerd Taron (Waldlichtung bei Kelkheim-Ruppertshain)

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen.

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Rainer Maria Rilke)

Gönnen Sie sich an diesem Wochenende Ihre persönlichen Ruhezeiten. Ein Wochenende mit erholsamen und stillen Momenten wünscht

Ihnen/Euer

Gerd Taron

Tram of Silence – Ganz im Schweigen Straßenbahn fahren

Das Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität „Heilig Kreuz“ in Frankfurt-Bornheim hatte im Rahmen der „Woche der Stille“ eingeladen.

 Straßenbahn fahren in aller Stille und mit allen Sinnen erleben – ist das möglich?

 Nach mehr als einer Stunde Fahrt mit einer historischen Straßenbahn kann man das nur bejahen.

 Wann sind Sie zum letzten Mal Straßenbahn gefahren, bewusst? Wie war das für Sie? Unruhig, viele Menschen um sie herum, alles so geschäftig?

 Dass es auch einmal anders erlebbar ist, machte diese besondere Fahrt möglich.

 Alle Handy ausgeschaltet, keine Unterhaltung miteinander – nur Schweigen.

 Mit allen Sinnen erleben bedeutete an diesem Abend:

Schweigen

 In der Stille werden Sie sich selbst, die Menschen, die Stadt und die Welt mit allen Sinnen und ganz neu sehen, hören und erleben.

 Schauen

 Hinschauen und verweilen – den Blick wieder lösen – Farben genießen – in Gesichtern lesen – den Bewegungen folgen

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„Von einer Brücke getragen“  – Foto: Gerd Taron

Hören

 Hin und wieder die Augen schließen – horchen auf Rufe, Geräusche, Klänge des Alltags , „Musik der Straße“

Spüren

 Die Erschütterungen der Straßenbahn, die Gefühle, die ihnen kommen, die Nähe oder Distanz der Menschen, der Dinge

Es war interessante Erfahrung, die mich neu bewusst hat werden lassen, in welchem Lärm und Unruhe wir leben und zu wenig Zeit für ruhige Momente gönnen.

 Danke an alle, die diese ungewöhnliche Straßenbahnfahrt möglich gemacht haben.

 Gerd Taron

Stille Zeit – Literarischer Rundbrief vom 07.12.12

Liebe Freunde der Literatur,
„Kei Zeit“:- unter dieser Überschrift erhielt ich zu Beginn der Woche von einer lieben Freundin über facebook ein mundartliches Zitat von Jochen Mariss mit einem schönen Foto. Es hat mich zum Nachdenken bewegt über die Zeit im Advent und zu Weihnachten.
Wie schön wäre es, wenn in dieser Zeit alles viel ruhiger und weniger hektisch sein könnte!
Unter den zahlreichen Einsendungen von Gedichten im Rahmen der Aktion „Mein Weihnachtsgedicht“ ist der Wunsch, die Sehnsucht nach einer besinnlichen Advents- und Weihnachtszeit immer wieder spürbar. Das Gedicht „Stille Zeit“, dass Birgit Parthe selbst verfasst hat, beschreibt dies in wunderbarer Weise. Das Foto von Marina Rupprecht veranschaulicht durch den Stern in winterlicher Umgebung diese Stimmung.
                                                                                                                Stille Zeit 

 

Leise klingt des Schrittes Klang,

gehe ich auf dem Weg entlang.

 

Der Schnee dämpft alles und macht es leise,

jedes Ding trägt so auf seine Weise,

etwas Besinnliches, Stilles in sich,

es macht mich ruhig und beseelet mich.

 

Die Fenster geschlossen, kein Laut zu hören,

keine Geräusche, die da stören,

Kerzenlicht und warmer Schein,

schaue ich in die Fenster rein.

Ein Mal im Jahr diesen Zauber spüren,

wenn Düfte und Lichter unsere Sinne berühren.

Ein Kinderlachen so glücklich macht –

Dann ist wieder „Heilige Nacht“.

 

Birigit Parthe

Die Weiterverwendung ist nur mit Genehmigung der Autorin gestattet.

Foto: Marina Rupprecht

Die Weiterverwendung ist nur mit Genehmigung der Fotografin gestattet.

Ich wünsche Ihnen/Euch einen besinnlichen 2. Advent mit viel Zeit für Ruhe und Muße

Mit winterlichen Grüßen aus dem Taunus

Ihr/Euer

Gerd Taron 

PS: Dieses Gedicht wird auf dem Weihnachtsmarkt in Kelkheim-Stadtmitte am Samstag, 08.12. ab 17:00 Uhr vorgetragen.

EinStimmen – Rundbrief von Pfarrer Andreas Schmalz-Hannappel, Kelkheim-Fischbach vom 29.11.12

Bald ist es soweit, die schönste Zeit des Jahres beginnt. Endlich wandern die Krippenfiguren aus dem Keller ins Wohnzimmer, die Lichterketten werden aufgehängt, Kerzen entzündet und (zu) viel Plätzchen gegessen. Auch ich werde es mir schön machen, denn der große Geburtstag braucht – wie jedes anders Fest – eine angemessene und freudige Vorbereitung. Im besten Fall bringt mich die äußere Einstimmung mit den vielen schönen Traditionen, Bräuchen, Adventsmärkten und alten Melodien zu einer freudigen, manchmal auch stillen, inneren Vorbereitung.
Es wäre schön, wenn ich ein paar Momente der Stille für mich in den Alltag einbauen könnte. Dann zünde ich eine Kerze an, schaue nur dem Flackern der Flamme zu und werde innerliche ruhig. Vielleicht gelingt es mir so, oder anders, leerer zu werden, um wieder empfangen zu können. Vielleicht darf ich dann in der Stille spüren, wie Gott in mir Raum nimmt, zu mir kommt. Für mich ist dies mit einem Gefühl des Ausgefülltseins, des Genügens und innerer Wärme zu tun.
So wünsche ich Dir Momente der Ruhe und der Stille, in denen Du Dich öffnen kannst.
Gottes Segen für Dich!
Andreas Schmalz-Hannappel, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Kelkheim-Fischbach