Ich bin nur … – vom Wichtig sein – Literarischer Wochenendgruß vom 09.11.18

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

haben Sie manchmal oder vielleicht gar öfters bewusst oder unbewusst einen Satz bei einem Gespräch begonnen mit „Ich bin nur …“. Vielleicht war es der zu große Respekt gegenüber ihrem Partner oder auch ein zu geringes Selbstwertgefühl, dass Sie dazu hat verleiten lassen.

Es gibt Menschen, die machen sich durch eine solche Aussage zu klein und zu bedeutungslos. Aber sie sind in dieser Gesellschaft genauso wichtig wie prominente Zeitgenossen.

Deshalb möchte ich mit diesem Wochenendgruß allen Menschen Mut machen, ihren eigenen Wert zu erkennen und zu leben.

Foto: Hülya Braun

Die Freude, das Selbstwertgefühl, sich von anderen anerkannt und geliebt zu wissen, sich nützlich und fähig zu fühlen, das sind Faktoren von ungeheurer Bedeutung für die menschliche Seele. Schließlich bilden das Selbstwertgefühl und die Möglichkeit, an einer sozialen Organisation teilzuhaben, lebendige Kräfte. Und das gewinnt man nicht, indem man Lektionen auswendig lernt oder Probleme löst, die nichts mit dem praktischen Leben zu tun haben. Das Leben muss zum zentralen Punkt werden und die Bildung ein Mittel.

Maria Montessori

Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Die Leistungen und Talente anderer anerkennen,
ist die Wertschätzung, die man jedem Menschen entgegenbringen sollte,
auch sich selbst.

Elke Bischofs

Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Egal wie wunderbar Du bist,
wie hilfreich,
klug,
ehrlich
und
fleißig,
egal wie hart Dein Weg war,
egal wie echt Du bist –
es wird immer Menschen
geben, die niemals
durch Deine Tür
treten werden,
die Dich nicht sehen wollen,
Dich nicht
anerkennen
werden –
denn in jenem Moment,
müssten sie sich ihre
eigene Kleinheit
eingestehen.
Egal wie viele es in Deinem Leben sind –
GEH Deinen WEG,
Du bist ALLES
wert!

Anja Schindler

Foto: Hülya Braun

Ich-Inventur.
Nun steh ich da.
Alles im Außen scheint
schwierig zu sein.
Nichts fühlt sich leicht
oder stimmig an.
Vieles bricht und
zurück bleiben Scherben.
Was ich angeh’,
geh ich wohl nicht
klar genug an.
Es wird erwartet
in alle Richtungen.
Auch ich erwarte, hoffe
und vergesse mich.
Immer wieder.
Nicht nur meine Welt
spielt verrückt.
Auch die große weite Welt,
die um mich herum,
lässt mich jeden Tag
Horrormeldungen,
Tod, Leid und Schmerz
erfahren.
Es nimmt kein Ende.
Ein Teufelskreis.
Schwindel und Übelkeit,
weil es nicht aufhören will.
Es dreht sich und dreht sich.
Nur aber leider nicht im Guten,
sondern im Gefühl der Angst.
In der Angst, nichts mehr
im Griff zu haben.
Ausgeliefert zu sein.
So!
Und spätestens HIER ist STOPP!
Für mich!
Hier ist der Punkt erreicht,
an dem ich entscheide…
Auszusteigen!
Entscheide, inne zu halten und
ruhig zu werden.
Runter zu kommen.
Runter zu mir.
Entscheide, mir meine Macht
zurück zu holen.
Entscheide, keine Marionette
von irgendjemand im Außen zu sein
bzw. zu bleiben.
Entscheide, aus der Angst rauszugehen
und mich wieder mit der Liebe zu verbinden.
Meiner Essenz. Meiner Quelle. Meinem Sein.
Entscheide, wieder bewusst zu werden.
Bewusst darüber, immer entscheiden zu können,
welchen Weg ich im Herzen gehen will,
gehen werde.
Entscheide, mich nicht von Horrormeldungen
bezahlter Medien irreführen zu lassen,
sondern meiner Intuition glauben zu schenken.
Entscheide, meinen Weg, in meinem Tempo und
meinem Gefühl weiter zu gehen.
Ohne mich beirren zu lassen und ohne einzubrechen,
wenn geliebte Menschen sich deshalb verabschieden.
Entscheide, auf mich und meine Gefühle zu hören
und mir dadurch treu zu bleiben.
Aus Selbstliebe und Selbstwertschätzung.
All’ diese Entscheidungen sind Entscheidungen
der Liebe zu mir selbst,
welche goldene Früchte tragen werden.
Nichts bleibt ohne Folge und schon gar nicht
Entscheidungen aus Liebe und in der Liebe.

HERZ in WORT
by Katja Hinder

Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Visionäre …
… es gibt sie noch …
oft belächelt
nicht ernst genommen
naiv eingeschätzt …
geringschätzig abgewertet,
gern übersehen …
Menschen, die unbeirrt ihren Weg gehen,
ihrer Linie ohne wenn und aber treu bleiben
zu dem stehen was ihnen alles bedeutet,
in aller Bescheidenheit leben
was ihre Welt ist.
Sie sind anders
auf ihre Weise besonders,
tragen vieles still in sich;
brauchen weder Hektik und Lärm draußen
noch ständiges nach vorn drängeln,
laute Aufmerksamkeit.
Innen drin tobt der Sturm dieser Liebe,
bricht aus in dem was sie lieben zu tun.
Manche staunen,
einige ermutigen, loben,
manche verstummen, ignorieren;
schweigen sich aus.
SIE sehen mehr dahinter,
verstehen, wissen genau…
Der innere Brunnen
sprudelt leidenschaftlich,
ist weiter aktiv,
wird durch alles inspiriert,
hat auch Wert.
In dieser Zeit sind sie selten,
aber es gibt sie noch;
bescheiden, unaufdringlich, zurückhaltend.
Visionäre, die aus sich schöpfen,
unauffällig im Leben stehen,
manche Träume verwirklichen.
Angela Hökkelbjerg

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende mit dem Sie im Einklang mit sich selbst sind.

Ihr/Euer

Gerd Taron

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Die Kunst, von der Kunst zu leben – Literarischer Wochenendgruß vom 02.11.18

Liebe Literaturfreunde,

in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es viele Künstler, sei es im Bereich der Literatur, der Musik, der Malerei oder Schauspiel.

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob Mann/Frau davon leben könne. Ist das alles brotlose Kunst?

In der heutigen Zeit ist es schwierig geworden, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Für private oder auch andere Feiern werden kostengünstige Künstler engagiert, manchmal sogar nur für ein Essen mit Getränke. Gage oder Honorar? Es wird darauf verwiesen, dass man doch eine gute Gelegenheit bekomme sich zu präsentieren und sich daraus sicher neue Auftrittsmöglichkeiten ergeben.

Was ist eine künstlerische Leistung im Zeitalter des Profitstrebens wert?

Die nachfolgenden Texte, insbesondere die Geschichte von Walburga Kliem, mögen zum Nachdenken anregen.

Die Fotos und die Bilder wurden mir aus meinem engeren Freundeskreis zur Verfügung gestellt. Bei den Bildern habe ich die Künstler namentlich erwähnt. Bei den Fotos habe ich darauf verzichtet, da sie beispielhaft für die verschiedenen Künste stehen.

Lampada di Aladino – Bild: Andreina Bonanni

Ich glaube, alle Kunst entsteht, weil sich der Künstler der Welt unsicher ist. Diese Welt passt nicht zu ihm, und er passt nicht in sie, er glaubt, er gehöre nicht dazu. Und deshalb versucht er, sie zu verstehen und für sich zu ordnen. Hemingway schrieb an Scott Fitzgerald: »Wir sind alle von Anfang an verflucht, und Du musst erst furchtbar verletzt werden, bevor Du ernsthaft schreiben kannst. Wer in sich ruht, schreibt kein Buch und malt kein Bild.

Ferdinand von Schirach

Menschenkunst

Erscheint dir Kunst zu ernst,
mit starren Regeln vollgestopft,
die Farben falsch, viel zu grell,
das Licht zu hell,

dann schöpfe aus der eigenen
Kraft, nimm den Mund recht voll,
schreibe, wie dir der Schnabel
gewachsen ist und zeichne und
pinsle, was das Zeug hält

Wenn dir Kritik entgegenbellt,
lass dich nicht beirren, bleib
bei den eigenen Dingen

Sie stecken voll Hitze, voll
samtener Blitze, erschrecken
dich selbst, weil du Verborgenes
erkennst, das machtvoll aus
deinem Inneren drängt

Du bist deine eigene
MenschenKunstTherapie
und keines der Werke
verlässt dich je

Bruni Kantz

Eine wahre Geschichte …

Auf meiner „Geschichtenwanderung 2010“ in der Nähe von Mühlhausen saß ein Geschäftsreisender frühmorgens in der Pension an meinem Tisch. Wir unterhielten uns und er war erstaunt, dass ich erstens den Beruf einer Geschichtenerzählerin habe und dann auch noch wie in alter Zeit auf die Wanderschaft gehe. „Aber Sie müssen doch von irgendetwas leben!“ platzte er heraus.

Ich antwortete: „Irgendwann will ich mal davon leben …“ und dann erläuterte ich noch, dass ich ja einen „zweiten Beruf als Trainerin und Beraterin“ habe und Seminare gebe.

Später habe ich festgestellt, ich war wieder einmal in eine „Denk- und Rechtfertigungsfalle“ geraten. Mir wurde im Nachdenken über diese Situation … und wenn man einfach nur alleine wandert auf einsamen Wegen, dann hat man viel Zeit, nachzudenken … klar:

* Ich habe gar keine zwei Berufe … es gibt für mich nur noch einen einzigen, den der „Erzählkünstlerin“. Das ist das, was ich wirklich machen will und auch tue. Diese Tätigkeit findet sich ganz einfach in der anderen wieder … in meinen Workshops und Coachings tue ich nichts anderes.

* Ich LEBE doch schon davon … Ich habe zwar kein dickes Konto, aber es hat bisher immer gereicht, um alle Ausgaben zu decken … ich lebe nicht in Armut … ich kann stolz auf meine Kinder sehen, bei denen zwar auch nicht alles einfach gelaufen ist … ich kann mich angemessen kleiden und ernähren … ich fühle mich wohl.

Und bestätigt wurde mir das dann einige Kilometer weiter von einer alten Frau, die mich in einem Dorf einfach ansprach. Wir unterhielten uns einige Zeit angeregt im leichten Nieselregen und am Ende sagte sie:

„Wissen Sie, mir ging es heute morgen eigentlich gar nicht gut. Ich fühlte mich krank und elend. Aber ich musste ja mit dem Hund raus. Und ich bin sehr froh, dass ich Sie angesprochen habe. Ich bin froh, dass wir uns so unterhalten haben …“ und dann strahlte sie und fügte hinzu: „Sie haben mich richtig glücklich gemacht!“

Für dieses Lächeln gibt es keinen Betrag auf meinem Konto! (*)

Walburga Kliem

inner landscape – Bild: Lissy Theissen

Jeder Mensch ist ein Künstler

Lass dich fallen.
Lerne Schnecken zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die »ja« sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere »verantwortlich« zu sein. Tu es aus Liebe.
Mach viele Nickerchen.
Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache viel.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein, sei frei.
Segne dich selbst. Lass die Angst fallen. Spiele mit allem. Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume. Schreibe Liebesbriefe.

Joseph Beuys

Wenn Sie beim nächsten Mal einen Künstler bei seinen Auftritten erleben und von ihm oder ihr begeistert sind, honorieren Sie das nicht nur mit Ihrer Eintrittskarte.

Ein kunstvolles Wochenende wünscht Ihnen

Ihr/Euer

Gerd Taron

Zwei Informationen in eigener Sache:

Vom Abschluss der literarischen Freiluftsaison ist in der Taunus-Zeitung ein sehr lesenswerter Artikel erschienen:

http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Hier-wird-die-Bruecke-zur-Lyrik-geschlagen;art48711,3146542?fbclid=IwAR2oSoqT995z91ISq50MZEpjQ9mYd0X18VyKJOKN7X6yft33IkzpZ9paDs8

Einen ersten Ausblick auf die literarische Freiluftsaison 2019 gibt es hier:

https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/2018/10/31/literarischer-rettershof-2019-ein-ausblick/?fbclid=IwAR0VYtu3w9oiVXOblfGb9ardt3ENia1mnwCg9PRC2TR6S5_hPCCrDfw4K4U

Die Lust am Bösen – Literarischer Wochenendgruß vom 26.10.18

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

in Kürze wird nicht nur bei uns ein gruseliges Fest gefeiert- Halloween. Kinder und Erwachsene maskieren sich und überbieten sich in ihren Kostümen. Frankenstein lässt grüßen.

Aber nicht nur zu diesem „Fest“ begegnet uns das Böse. Es ist allgegenwärtig. Damit meine ich die vielen negativen Nachrichten. Das Genre Krimi erfreut sich großer Beliebtheit, sei es im Fernsehen oder als Buch. Bill Ramsey sang Anfang der 1960er Jahre den Gassenhauer „Ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett“.

Heute erscheint mir, dass es fast nur Krimis oder Science-Fiction Literatur und Filme gibt. Je mehr Blut fließt, desto erfolgreicher?

Wenn ein neues Buch im regionalen Bereich vorgestellt wird, ist es zumeist ein Krimi. Woher diese Lust kommt, kann ich mir nicht erklären.

In der Frankfurter Neuen Presse erschien vor kurzem eine Glosse unter dem Titel „Mehr Mord, bitte!“ Mir wäre weniger Mord dann doch etwas lieber. Die Krimi-Autoren mögen mir verzeihen, dass ich darauf hinweise, dass es auch andere spannende Bücher und Filme gibt.

Zu diesem Thema habe ich wieder einige Texte ausgesucht. Die Fotos stammen aus diversen Einsendungen und karikieren zum Teil das Thema.

Foto: Gerd Taron

Herbstwind

Hörst Du wie er böse rüttelt,
Blätter von den Bäumen schüttelt,
Fensterläden donnernd schließt und um Häuserecken schießt?

Hörst Du wie die Türen fliegen,
Birken sich wie Knechte biegen,
Regen an das Fenster klopft, es durch jede Ritze tropft?

Hörst Du wie die Spießgesellen,
lauter noch als Hunde bellen,
wie sie jagen durchs Geäst, rüsten sich zum Abschiedsfest?

Hörst Du wie die Krähen krächzen, alte Balken schrecklich ächzen, Rose wechselt letztes Kleid, rüstet schon zur Winterszeit..

© Ute AnneMarie Schuster

Foto: Connie Albers

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die nackten Toten die sollen eins
Mit dem Mann im Wind und im Westmond sein;
Blankbeinig und bar des blanken Gebeins
Ruht ihr Arm und ihr Fuß auf Sternenlicht.
Wenn sie irr werden solln sie die Wahrheit sehn,
Wenn sie sinken ins Meer solln sie auferstehn.
Wenn die Liebenden fallen – die Liebe fällt nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die da liegen in Wassergewinden im Meer
Sollen nicht sterben windig und leer;
Nicht brechen die die ans Rad man flicht,
Die sich winden in Foltern, deren Sehnen man zerrt:
Ob der Glaube auch splittert in ihrer Hand
Und ob sie das Einhorn des Bösen durchrennt,
Aller Enden zerspellt, sie zerreißen nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Keine Möwe mehr darf ins Ohr ihnen schrein
Keine Woge laut an der Küste versprühn;
Wo Blumen blühten darf sich keine mehr regen
Und heben den Kopf zu des Regens Schlägen;
Doch ob sie auch toll sind und tot wie Stein,
Ihr Kopf wird der blühende Steinbrech sein,
Der bricht auf in der Sonne bis die Sonne zerbricht,
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Erich Frieds Nachdichtung von Dylan Thomas` „And Death Shall Have No Dominion“.

Foto: Gabriele Kindermann

Sage zu dir in der Morgenstunde: Heute werde ich mit einem unbedachtsamen, undankbaren, unverschämten, betrügerischen, neidischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler sind Folgen ihrer Unwissenheit hinsichtlich des Guten und Bösen. Ich aber habe klar erkannt, daß das Gute seinem Wesen nach schön und das Böse häßlich ist, daß der Mensch, der gegen mich fehlt, in Wirklichkeit mit mir verwandt ist, nicht weil wir von demselben Blut, derselben Abkunft wären, sondern wir haben gleichen Anteil an der Vernunft, der göttlichen Bestimmung. Keiner kann mir Schaden zufügen, denn ich lasse mich nicht zu einem Laster verführen. Ebensowenig kann ich dem, der mir verwandt ist, zürnen und ihn hassen; denn wir sind zur gemeinschaftlichen Wirksamkeit beschaffen, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, wie die obere und untere Kinnlade. Darum ist die Feindschaft der Menschen untereinander wider die Natur; Unwillen aber und Abscheu in sich fühlen ist eine Feindseligkeit.

Marc Aurel (1, 14), Selbstbetrachtungen

Foto: Melanie Ullrich

Wach werden
Vielleicht ist alles nur
eine Frage des Erwachens.
Wir haben uns mit dem Schlaf abgefunden.
Kafka hat uns schon vor hundert Jahren gesagt,
dass wir nicht Bösewichte, sondern Schlafwandler seien.
Die Musik der Harmlosigkeit hat uns eingeschläfert.
Wir haben viele Schlaftabletten genommen,
von der entmündigenden Religion bis zur nicht integrierten Politik,
vom schlauen Gerede bis zum dummen Getue.
Mit geschlossenen Augen schleichen wir am Abgrund entlang
und wollen die wahre Stimme unseres Herzens nicht hören.
Auf dem Rücken unseres Schlafes
tummelt sich das Unheil der Welt.
An unserem Schnarchen stirbt die Hälfte der Menschen.
Neues zu wagen heißt,
aus dem schrecklichen Schlaf zu erwachen.
Wir brauchen den heilsamen Schreck,
der uns die Augen öffnet,
und sie uns nicht mehr schließen lässt.
Ganz gleich wie wir uns absichern,
herzhaftes, erfülltes Leben bleibt immer ein Wagnis.

Ulrich Schaffer

Foto: Gabriele Kindermann

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.

Bertolt Brecht – Auszug aus „An die Nachgeborenen“

Foto: Connie Albers

LIEBEN NICHT VERGESSEN*

Ein Seifenfabrikant sagte zu einem Engel:
„Die Nächstenliebe hat nichts erreicht.
Obwohl es schon bald zweitausend Jahre gepredigt wird..
ist die Welt nicht besser geworden.
Es gibt immer noch Böses und böse Menschen.“

Der Engel wies auf ein ungewöhnlich schmutziges Kind..
das am Straßenrand im Dreck spielte.. und bemerkte:
„Seife hat nichts erreicht.
Es gibt immer noch Schmutz und schmutzige Menschen in der Welt.“

„Seife“, entgegnete der Fabrikant,
„nutzt nur.. wenn sie angewendet wird.“

Der Engel antwortete:
„Die Nächstenliebe auch.“

(Gispert Kranz)

Ein friedvolles Wochenende wünscht allen
Ihr/Euer Gerd

Vom Dienst leisten – Literarischer Wochenendgruß vom 19.10.18

Vom Dienst leisten – Literarischer Wochenendgruß vom 19.10.18

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

immer wieder lese ich vor allem in den sozialen Medien, wie zum Beispiel facebook, dass Mann/Frau sich über mangelnde Dienstleistungen beschwert. Da werden Pakete nicht oder falsch zugestellt, die Zeitung kommt zu spät, die Bedienung ist angeblich unfreundlich usw. Im öffentlichen Nahverkehr fallen Züge oder Busse wegen Personalmangel aus. In den Krankenhäusern und Seniorenheimen herrscht Pflegenotstand.

Bei allem Verständnis für die Verärgerung: Wer denkt eigentlich an die Menschen, die all diese Dienstleistungen ausüben? Oft werden Paketzusteller, die meistens jung und unerfahren sind, nicht oder nur mangelhaft in ihre Tätigkeiten eingewiesen. Die Bezahlung ist schlecht und die Arbeitsbedingungen meist unzumutbar.

Wenn es um Leben von Menschen geht, ist dies noch viel schlimmer. Dort können die miserablen Arbeitsbedingungen fatale Folgen haben.

Angeblich liegt es am System, wie ich vor kurzem las. Aber das System sind wir! Wir alle können dazu beitragen, dass sich die Bedingungen für die einzelnen, wenn auch nur wenig, verbessern lassen. Die Bedienungsmentalität und Bequemlichkeit ist in unserer Gesellschaft aus meiner Sicht sehr hoch geworden.

Dieser Wochenendgruß soll mit den Texten und Fotos etwas dazu beitragen, ein besseres Verständnis für die Menschen, die in den Dienstleistungsberufen beschäftigt sind, zu gewinnen.

Foto: Gerd Taron

Die vorteilhafteste menschliche Ordnung wäre die,
bei welcher jeder an das Glück der anderen dächte und sich uneingeschränkt dem Dienst für dieses Glück weihte.
Bei einer solchen Einstellung aller erhielte jeder den größten Anteil von Glück.

(Leo N. Tolstoi)

Foto: Gerd Taron

Und wenn ihr nicht mit Liebe, sondern nur mit Unlust arbeiten könnt, dann ist es besser, eure Arbeit zu verlassen, und euch ans Tor
des Tempels zu setzen, um Almosen zu erbitten von denen,
die mit Freude arbeiten.

Khalil Gibran

Foto: Gerd Taron

Lange hast du dir Mühe gegeben
immer da zu sein, ansprechbar, verantwortlich,
zuständig zu sein für das, was anlag,
auch für die Belange anderer,
die eigentlich ihre Verantwortung waren.
Man konnte auf dich zählen,
man wusste, dass du da sein würdest.
Manchmal warst du ausgelaugt,
hattest keine Kräfte mehr,
du hättest die Arbeit an liebsten anderen überlassen,
aber du bliebst,
es gehörte zu deinem Selbstverständnis.
Du wolltest dem stillen Druck ausweichen,
der ungeschrieben dein Leben bestimmte,
aber du hast es nicht geschafft.
Du hast dich selbst
mit deinen Erwartungen festgehalten.
Aber du hast das Recht dich zurückzuziehen.
Du bist nicht weniger wert,
wenn du die Verantwortung nicht übernimmst
und andere machen lässt. Sie sind dran.
Es ist Zeit, an dich zu denken,
die stillen Seiten in dir zu entwickeln,
deine Tiefe auszuloten,
dein Herz besser kennenzulernen.
Du hast ein Recht auf deine Stille,
auf die Entwicklung deiner Einmaligkeit,
auf den Weg, den nur du zu gehen hast.
Das Stille und oft Große in dir
hatte fast nie eine Chance sich zu zeigen,
sich zu entwickeln, ein eigenes Leben zu entfalten.
Es wurde verdrängt vom täglichen Kleinkram
und von Menschen mit einer kleinen, vorsichtigen Sicht
Jetzt ist es dran. Lass es nicht im Stich,
lass dich nicht im Stich. Ein neuer Abschnitt beginnt.
Lass dein schlechtes Gewissen los.
Höre nicht mehr auf die, die es dir mit ihren Sprüchen
schwer machen wollen, einen neuen Weg zu wagen.
Sag ihnen entschieden, dass jetzt sie gefordert sind
und dass du dich auf einem anderen Weg befindest.
Und denke nicht, dass du egoistisch bist –
wenn du an dich denkst, tust du deinen Freunden
einen großen Dienst.
Sie brauchen deine Herausforderung,
deine Abwesenheit, das Erlebnis mit dir,
dass du nicht zu Verfügung stehst.
Dein neues Leben bricht an,
du hast ein großes Recht darauf.
Gib es nicht ab.

Ulrich Schaffer

Foto: Gerd Taron

Eine alte Dame setzt sich in ein Café. Die Kellnerin bringt ihr die Menü-Karte und fragt nach, was sie denn bestellen möchte.
Die alte Dame fragt: „Wie teuer ist bei ihnen ein Stück von der Torte?“
Die Kellnerin antwortet: „5 Euro.“
Die gebrechliche alte Dame holt einige Münzen aus ihrer Tasche und beginnt langsam zu zählen.
Dann fragt sie wieder: „Und wie teuer ist bei ihnen ein einfaches Stück Kuchen?“
Die Kellnerin war etwas gestresst, da sie ja noch viele Tische bedienen musste und antwortete sehr ungeduldig: „4 Euro.“
„Das ist gut, dann nehme ich gerne den einfachen Kuchen“, antwortete die alte Dame.

Die Kellnerin brachte ihr genervt den Kuchen und legte gleich die Rechnung hin. „Immer diese geizigen Leute“, murmelte sie leise vor sich hin.
Die alte Dame aß ganz langsam und genussvoll den Kuchen, stand langsam auf, legte das Geld auf den Tisch und ging.

Als die Kellnerin nun den Tisch aufräumen wollte, stellte sie fest, dass die alte zerbrechliche Dame ihr einen Euro Trinkgeld hingelegt hat.

Sie bekam vor Rührung Tränen in die Augen. Aber es war zu spät, um sich bei der alten Dame zu entschuldigen. Sie begriff schmerzhaft und sich schrecklich fühlend, dass die alte Dame sich mit einem einfachen Stück Kuchen begnügte, um der Kellnerin Trinkgeld zu schenken!

Autor unbekannt

Foto: Brina Stein

Wenn Du weißt, wer Du bist und so lebst, dann ist das für Deine Mitmenschen eine verlässliche Basis. Auf dieser Basis ist gemeinsames Leben und Arbeiten möglich.

Monika Bylitza

Foto: Sabine Barde

Möge dir die Arbeit
nicht schwer von der Hand gehen,
trotz Schwielen und Schrunden.
Dein Lohn auf Erden mag fragwürdig sein,
der Lohn der Ewigkeit ist unumstritten.
Irischer Segenswunsch
Wenn Sie an diesem Wochenende unterwegs sind und ihre Freizeit genießen, denken Sie vielleicht etwas mehr an die Menschen, die für Sie Ihren Dienst versehen.

Ihr/Euer

Gerd Taron

PS: Veranstaltungshinweis in eigener Sache:

Sonntag, 21.10.18 um 15 Uhr

Zwischen den Zeiten – Literarischer Spaziergang im Woogtal in Königstein im Taunus

Zum Abschluss der literarischen Freiluftsaison präsentiere ich Literarisches über die Zeit und den Übergang zwischen Herbst und Winter.
Treffpunkt: Kur- und Stadtinformation Königstein, Hauptstr. 13a

Ernte sei Dank – Literarischer Wochenendgruß vom 12.10.18

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

am kommenden Sonntag können Besucherinnen und Besucher des Erntedank- und Handwerkfestes am Rettershof im Taunus die Vielfalt unserer Gegend genießen, sehen und schmecken. In diesem Jahr ist die Ernte auf den Streuobstwiesen rund um den Rettershof besonders reichlich. Im diesem Jahr habe ich wieder beobachten können, wie aus kleinem großes entstehen kann.

APFELERNTE

O welche Lust, auf die Bäume steigen
Und klettern umher in den schwanken Zweigen!
Wir müssen uns recken, müssen uns bücken,
Die Äpfel und Birnen und Zwetschgen zu pflücken.
Und können wir nicht zum Wipfel gelangen,
Wo meist die allerschönsten hangen,
Dann legen wir die Leiter dran
Und ziehen mit Haken die Zweige heran.
Hilft das auch nichts, dann kommt das Beste,
Wir schütteln alle Zweig‘ und Äste,
Und wenn es dann regnet Äpfel im Nu,
Dann sehen wir jubelnd von ferne zu.

Autor: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Ernte

Es ist Ernte,
dass wir einander noch haben.
Es ist Ernte,
die Münzen der Minuten und Stunden
noch ausgeben zu können.
Es ist Ernte
durch unsere gegenseitige Gegenwart
die Zeit zu schmecken wie Schwarzbrot.
Wir haben Samen ausgestreut,
manchmal ängstlich und mit zitternder Hand
und dann wieder so,
als gehörte uns schon die goldene Ernte.
Wir haben nicht gewusst,
ob die Saat aufgehen würde,
oder was wir ernten würden,
aber wir haben nicht aufgegeben.
Ich suche jetzt deine Augen häufiger,
als wolle ich mich vergewissern,
dass auch du die Dichte der Ernte erlebst.
Unser Glück tritt aus dem Sinn hervor,
den wir allem geben.

Ulrich Schaffer

Herbstgold

Der Sommer ist gegangen,
und Frühherbst hält das Land
in feuerrotem Prangen
und golden in der Hand.
Die Ernte eingefahren,
in Körben Früchte, reich;
zur Mittagszeit,im Klaren,
spielt Luft noch mild und weich.
Da liegt im Traum das Leben,
es schwelt der Sonne Glut,
und sanft die Blätter schweben
dorthin, wo alles ruht.

© Ingrid Herta Drewing

Stilles Reifen

Alles fügt sich und erfüllt sich,
mußt es nur erwarten können
und dem Werden deines Glückes
Jahr und Felder reichlich gönnen.
Bis du eines Tages jenen reifen Duft der Körner spürest
und dich aufmachst und die Ernte in die tiefen Speicher führest.

Christian Morgenstern

Erntedank

Nun ist es Herbst und kalte Winde pfeifend toben.
Es färbt das Laub sich schon an Bäumen bunt.
Bald wandeln Sommerträume in Novemberroben
und Nebelschweben decken Wiesengrund.
Ein Sternenheer schaut in der Nacht auf müde Seelen.
Sie funkeln hell im düster’n Wolkenfeld.
Wenn Sonnenstrahlen sich den Tagesanbruch stehlen,
hat oftmals schon sich Frost dazugesellt.
Das Ährenfeld im Tal ist auch bereits geschnitten,
von Herbstes Hand verwandelt war’s in Gold.
Kommt dann der Winter durch das weite Land geschritten,
zahlt er die Zeit mit seinem weißen Sold.
In voller Reife liegt die Ernte jetzt in Gärten.
Sein Samen wurd‘ im März schon ausgesät
und Gottes Hände still das stete Wachstum nährten,
des Morgens früh bis hin zum Abend spät.
Mit mancherlei wird nun gefüllt der dunkle Keller.
Gemüse, Obst, Kartoffeln, groß und klein.
Wenn Mutters sorgend‘ Hände füllen leere Teller,
woll’n dankbar wir für diese Gaben sein.
Wie wunderbar behütet ist aus guter Gnade
die große Welt im Wechsel durch die Zeit
und schreiten wir hindurch auf Gottes Liebespfade,
liegt jederzeit sein Segen uns bereit.

Anette Esposito, 2008 / christliche-gedichte.de

Ich wünsche allen bei den traumhaften Wetteraussichten ein erntereiches Wochenende.

Ihr/Euer

Gerd Taron

PS: Wer mag und gerade in der Nähe ist, lade ich zum Erntedank-Spaziergang am Rettershof anlässlich des Erntedank- und Handewerkfestes ein. Treffpunkt ist um 12:45 Uhr unter der Linde.

Unser tägliches Brot – Literarischer Wochenendgruß vom 05.10.18

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

in der vergangenen Woche hatte ich die große Freude nach langer Zeit wieder hinter den Kulissen unserer Dorfbäckerei in Kelkheim-Fischbach zu schauen.

Bäckermeister Bernd Wittekind gab mir die Gelegenheit, anlässlich des Erntedankfestes, der in den christlichen Kirchen am vergangenen Sonntag gefeiert wurde, neu und dankbar über unser tägliches Brot nachzudenken.

Alle Fotos mit Ausnahme des letzten sind in seiner Bäckerei entstanden.

Man kann sein Brot mit gar nichts essen.
Mit nichts als Licht und Luft bestreut.
Gefühle, die man ganz vergessen,
Geschmack und Duft der Kinderzeit,
Sie sind im trocknen Brot beschlossen,
wenn man es unterm Himmel isst.
Doch wird die Weisheit nur genossen,
wenn man den Hunger nicht vergisst.

Eva Strittmatter

DAS BROT

Ich selber war ein Weizenkorn.
Mit vielen, die mir anverwandt,
lag ich im lauen Ackerland.
Bedrückt von einem Erdenkloß,
macht’ ich mich mutig strebend los.

Gleich kam ein alter Has gehupft
und hat mich an der Nas gezupft,
und als es Winter ward, verfror,
was peinlich ist, mein linkes Ohr,
und als ich reif mit meiner Sippe,
o weh, da hat mit seiner Hippe
der Hans uns rundweg abgesäbelt
und zum Ersticken festgeknebelt
und auf die Tenne fortgeschafft,
wo ihrer vier mit voller Kraft
im regelrechten Flegeltakte
uns klopften, dass die Scharte knackte!

Ein Esel trug uns in die Mühle.
Ich sage dir, das sind Gefühle,
wenn man, zerrieben und gedrillt
zum allerfeinsten Staubgebild’,
sich kaum besinnt und fast vergisst,
ob Sonntag oder Montag ist.
Und schließlich schob der Bäckermeister,
nachdem wir erst als zäher Kleister
in seinem Troge bass gehudelt,
vermengt, geknebelt und vernudelt,
uns in des Ofens höchste Glut.
Jetzt sind wir Brot. Ist das nicht gut?
Frischauf, du hast genug, mein Lieber,
greif zu und schneide nicht zu knapp
und streiche tüchtig Butter drüber
und gib den andern auch was ab!

Wilhelm Busch

„Eines Tages ging ein armer junger Mann von Tür zu Tür, um Waren zu verkaufen, damit er sein Studium finanzieren konnte. Er stellte fest, dass er nur noch ein 10-Cent-Stück besaß und er hatte Hunger. Daher beschloss er, im nächsten Haus um etwas zu bitten. Doch als dort eine hübsche junge Frau die Tür öffnete, verließ ihn der Mut. Anstatt um eine Mahlzeit bat er nur um ein Glas Wasser.

Die Frau sah, dass er hungrig war, und brachte ihm ein großes Glas Milch und einige belegte Brote. Er aß und trank langsam und fragte dann: „Was bin ich Ihnen dafür schuldig?“ „Sie brauchen mir gar nichts dafür zu bezahlen“, antwortete sie. „Mama hat uns beigebracht, dass wir niemals akzeptieren sollen, dass man uns für eine Freundlichkeit etwas bezahlt.“

Er antwortete: „Dann danke ich Ihnen von Herzen.“ Als er das Haus verließ, fühlte sich Robert nicht nur körperlich gestärkt, sondern er spürte auch, wie er seine Zuversicht wiedergewann. Er hatte kurz davor gestanden, aufzugeben.

Einige Jahre später wurde diese junge Frau ernsthaft krank. Die Ärzte in ihrem Ort wussten nicht mehr weiter. Sie schickten sie in die nächste Großstadt und baten die Spezialisten, die Behandlung dieser seltsamen Erkrankung zu übernehmen.

Dr. Robert Schmidt wurde gerufen, um sich die Patientin anzusehen. Als er den Namen der Stadt hörte, aus der sie stammte, blitze ein seltsames Funkeln in seinen Augen auf. Er stand sofort auf und machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. In seinem weißen Kittel trat er an ihr Bett. Er erkannte sie sofort wieder. Dann ging er wieder in sein Büro zurück, fest entschlossen, sein Bestes zu geben, um ihr Leben zu retten. Von diesem Tag an kümmerte er sich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit um ihren Fall.

Nach einem langen Kampf war die Schlacht schließlich gewonnen. Dr. Schmidt bat darum, dass die abschließende Rechnung zuerst ihm zur Prüfung vorgelegt würde. Er sah nur kurz darauf, schrieb dann eine Bemerkung an den Rand und schickte die Rechnung ins Krankenzimmer. Die Frau fürchtete sich davor, sie zu öffnen, weil sie sicher war, dass sie den Rest ihres Lebens damit verbringen müsste, sie vollständig abzubezahlen.

Endlich öffnete sie doch den Umschlag. Etwas Handgeschriebenes auf dem Rand der Rechnung fesselte sofort ihre Aufmerksamkeit.

Sie las die Worte: „Vollständig bezahlt mit einem Glas Milch und einigen Broten, gez. Dr. Robert Schmidt.“

Tränen der Freude schossen ihr in die Augen, und ihr Herz betete voller Freude: „Danke, mein Gott, dass Deine Liebe durch die Herzen und die Hände von Menschen ausströmt.“

(Autor leider unbekannt)

Der Geruch des Brotes ist der Duft aller Düfte. Es ist der Urduft unseres irdischen Lebens, der Duft der Harmonie, des Friedens und der Heimat.

Jaroslav Seifert, tschechischer Schriftsteller und Nobelpreisträger 1984

Erde, die uns dies gebracht

Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht.
Liebe Sonne, liebe Erde,
euer nie vergessen werde.
Wir haben volle Teller
und voll sind Scheune und Keller,
wir leiden keine Not.
Gesichert ist das Brot,
die Äpfel sind knallrot
und auch der süße Wein
lief rein ins Fass hinein.
Die Ernt‘ ist geborgen,
wir haben keine Sorgen,
drum sei heut Dank gebracht,
Sonne, die es reif gemacht.
Liebe Sonne, liebe Erde,
euer nie vergessen werde !

Christian Morgenstern


Foto: Bruder Paulus

Schenk mir das Fingerspitzengefühl,
um herauszufinden, was erstrangig ist.
.
Bewahre mich vor dem Glauben,
es müsse alles glatt gehen im Leben.
.
Erinnere mich daran,
dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
.
Schicke mir im rechten Augenblick
jemand, der den Mut hat,
mir die Wahrheit über die Liebe zu sagen.
.
Gib mir das tägliche Brot für Leib und Seele,
auf offener Straße eine Geste deiner Liebe,
ein freundliches Echo,
und wenigstens hin und wieder
das Erlebnis,
dass ich gebraucht werde.
.
Mache aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen,
die unten sind.
.
Gib mir nicht, was ich wünsche,
sondern, was ich brauche.”
.
Antoine de Saint Exupéry

Ich wünsche Ihnen bei Ihren Unternehmungen an diesem Wochenende viel Freude und Dankbarkeit für das was wir haben.
Ihr/Euer

Gerd Taron

Zwei Veranstaltungshinweise in eigener Sache:

Sonntag, 07.10.18 ab 14 Uhr Literarischer Spaziergang zur Buchmesse. Weitere Informationen finden Sie hier:

https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/2018/10/03/zwischen-hoelle-und-himmel-literarischer-buchmesse-spaziergang-am-sonntag-07-10-ab-14-uhr-mit-franziska-franz-und-connie-albers-rund-um-den-frankfurter-hauptbahnhof/

Sonntag, 14.10.18 um 12:45 Uhr – Literarischer Erntedank-Spaziergang auf dem Rettershof anlässlich des Erntedank- und Handwerkerfestes

Erwartungen – Literarischer Wochenendgruß vom 28.09.18

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

Welche Erwartungen haben Sie vom Leben, von sich selbst, von Ihren Mitmenschen? Sind Erwartungen schöne Wunschvorstellungen? Je mehr man erwartet und sich wünscht, je größer ist dann die Enttäuschung, wenn es nicht eintrifft.

Die schönsten Begebenheiten sind die, wo es keine Erwartungen gibt. Menschen können uns enttäuschen, weil wir zu viel von Ihnen erwartet haben. Das liegt oft an uns selbst und nicht am Gegenüber.

Zum Thema dieses Wochenendgrußes habe ich wieder einige Texte zusammengestellt, die uns einen neuen Blick für unsere Erwartungen geben mögen.

Foto: Gerd Taron

Habe Hoffnung, aber niemals Erwartungen.
Dann erlebst Du vielleicht Wunder, aber niemals Enttäuschungen.

Franz von Assisi

Foto: K. H. Fischer

Erwartungen an uns selbst

Es gibt eine Art Hochmut,
der uns dazu verführt,
unzufrieden mit uns selbst zu sein.
Wir sehen unser Leben anders, als es war.
Wir sind unzufrieden mit dem,
was wir erreicht haben.
Wir hätten Größeres leisten und erfolgreicher sein können.
Was wir erreicht haben, ist darum eine Enttäuschung.
So verpassen wir unser Leben.
So wandern wir aus – aus der bunten Landschaft
und Geschichte unseres Lebens.
So wird nie genug sein, was wir hatten.
Durch diese Haltung werden wir nicht zu den Menschen,
die wir sein könnten.
Wir planen Enttäuschung mit ein
und haben einen stillen Stolz
über unsere hohen Erwartungen an uns selbst.
In unserer Unzufriedenheit verlieren wir
die Dankbarkeit aus den Augen
und machen unser Leben kleiner.

Ulrich Schaffer

Foto: Klaudia Wick Fotografie

Befreie dich vom Ballast der Erwartungen anderer an dich,
vom Ballast deiner eigenen Erwartungen an dich,
vom Ballast der Mode und Werbung,
vom Ballast des Konsums,
vom Ballast der Moralapostel,
vom Ballast der Gutmenschen,
vom Ballast des Angepasstseins,
vom Ballast eines fremden Gottesbildes,
vom Ballast einer Gruppenmeinung,
vom Ballast des Schönseins,
vom Ballast reich sein zu wollen,
vom Ballast religiöser Vorstellungen,
vom Ballast falscher Konventionen,
vom Ballast störender Glaubensmuster,
und von allem anderen Ballast.

Erst wenn du allen Ballast abgeworfen hast,
eröffnen sich für dich neue Spähren,
neue Dimensionen und auch neue Höhen.

(Bertrand Cézoé)

Foto: Michael Heinz

Manchmal tragen andere etwas zu unseren Erwartungen bei. Die Werbung gaukelt uns einen Nutzen für ein Produkt vor, etwa, dass wir mit einer Gesichtscreme jünger aussehen, der nicht eintrifft.
Enttäuschung entsteht also, wenn wir uns selbst etwas vormachen oder andere uns etwas vorgaukeln, und wir erkennen, dass wir uns getäuscht haben bzw. uns haben täuschen lassen.
D.h. eine Enttäuschung beseitigt eine Täuschung, der wir aufgesessen sind.

Insofern ist eine Enttäuschung im Grunde etwas Positives.
Wir kennen nun die Wahrheit.

Unsere Enttäuschung ist umso größer, je höher unsere Erwartungen sind und je wichtiger das Ereignis für uns ist.
Können wir Enttäuschungen vermeiden oder vorbeugen?
Nein. Erstens können wir Enttäuschungen nicht generell vermeiden, und zweitens macht es auch keinen Sinn.
Da unsere Erwartungen maßgeblich für unsere Enttäuschungen verantwortlich sind, könnten wir uns Enttäuschungen dadurch ersparen, dass wir weniger oder nichts von anderen oder dem Leben erwarten.

Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Oder wie es Alexander Pope, ein englischer Schriftsteller, einmal ausdrückte: Gesegnet ist der, der nichts erwartet, denn er wird nie enttäuscht.
Sicher, da ist etwas dran an dieser Einstellung. Diese Haltung wirkt sich aber negativ auf unseren Elan, unsere Lebensfreude und auf die Beziehung zu anderen Menschen aus.

Eine positive Erwartungshaltung motiviert uns und erzeugt Vorfreude. Und eine positive Erwartungshaltung trägt maßgeblich zum Genuss dessen bei, was wir erwarten – wenn es eintritt.
Wer nichts Positives erwartet, beraubt sich vieler genussvoller und schöner Momente.

(Dr. Doris Wolf)

Foto: Ahmed Begic

Wo immer es uns gelingt,
ohne Erwartungen, Berechnungen
oder Verhandlungen zu lieben,
sind wir wirklich im Himmel.

Rumi

Foto: Gerd Taron

Schenke, gebe oder hilf niemandem mit einer Erwartungshaltung.
Tue es, weil Du es möchtest.

Der beschenkte kann deine Erwartungshaltung nicht kennen
und du könntest somit enttäuscht werden.

Tue es weil Du es möchtest.
Ohne Erwartungen!!!
Nur dann kommt Dein Handeln wirklich von Herzen!

(Lebenskunst)

Foto: Gaby Schäfer

Wer sich entschieden hat,
etwas zu verändern,
der überwindet alle Hindernisse.

Er wird Menschen treffen,
die mit ihm gehen
und er wird auch andere
zurücklassen müssen –
denn Leben heißt:
nicht die Erwartungen anderer
zu erfüllen, sondern
seinem Herzen zu folgen.

(Nicobartes.com)

Ich wünsche Ihnen ein erwartungsfrohes Wochenende.

Ihr/Euer

Gerd Taron