Grenzen ohne Mauern – Literarischer Wochenendgruß vom 21.09.18

Grenzen ohne Mauern – Literarischer Wochenendgruß vom 21.09.18

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

im schönen Taunus gibt es zwei Landkreise, die zu den reichsten in Deutschland gehören. Der Feldberg ist der höchste Erhebung. Irgendwo zwischen dem Hochtaunus-Kreis und dem Main-Taunus-Kreis gibt es eine besondere Grenze. Sie liegt oberhalb des Rettershofes, der zur Stadt Kelkheim und damit zum Main-Taunus-Kreis gehört.

Wer erfahren möchte, was in den jeweiligen Kreisen geschieht, hat Pech gehabt. Die lokale Zeitung (die Frankfurter Neue Presse) ist strikt getrennt in das Höchster Kreisblatt. Dort wird über das lokale Geschehen im Main-Taunus-Kreis, dem Frankfurter Westen und etwas über Frankfurt berichtet. Über den Hochtaunus-Kreis, Königstein, Kronberg, Bad Homburg? Fehlanzeige! Dafür gibt es die Taunus-Zeitung, die ihrerseits nichts über die Nachbarn aus dem anderen Kreis informiert.

Ich bin regelmäßig in beiden Kreisen unterwegs. Dabei habe ich versucht herauszufinden, warum es diese Trennung gibt. Experten, wie Heimatforscher und Stadtarchivare konnten mir dabei auch nicht weiterhelfen.

Daran wird deutlich, dass es keine real existierende Mauer, wie zum Beispiel in früheren Zeiten den Limes geben muss, um etwas zu trennen und eine Grenze zu setzen. Wovon will man sich abgrenzen? Wovor hat man Angst?

Es gibt sehr schöne praktische Beispiele, wie persönliche Grenzen überwindet werden können und sich damit anderen öffnet. Da gibt es die Aktion „Offene Gärten“, wo Gartenbesitzer ihre Pforten öffnen und andere an den Schönheiten ihres Gartens teilhaben lassen. Ein anderes Beispiel sind Veranstaltungen wie die „Offenen Höfe“, sei es in Hofheim-Wallau oder im Rheingau und in anderen Regionen.

Grenzsteine oberhalb des Rettershofs im Taunus markieren die Grenzen zwischen den beiden Gebieten – Foto: Gerd Taron

Alle Grenzen entstehen im Herzen

Alle Grenzen entstehen im Herzen.
Alle Linien auf Landkarten
wurden zuerst in Herzen gezogen.
Tief in uns geschehen die Trennungen.
Wo ziehen wir beide die Linie?
Die Linie macht uns zu Fremden.
So urteilen, trennen und sondern wir ab.
So entfremden und isolieren wir uns und werden einsam.
Nichts tötet so wie die Linie durchs Herz.
Zuerst sterben die anderen, aber am Ende auch wir.
Verachtung, Abscheu und Hass sind teuer.
Die neue Welt fordert von uns,
dass wir unsere Herzen glätten,
damit sie durchquert werden können,
wie endlose Weizenfelder der Nahrung ohne Zäune,
dass wir unseren Geist verwandeln
in eine Wiese, auf der sich alle versammeln können,
um einander zu feiern,
dass wir selbst Gärten voller Überfluss für die Hungrigen werden,
Feste der Freude für die Niedergeschlagenen
und eine Zuflucht für die Hilfsbedürftigen.
Weigere dich, kleinlich zu werden,
mache dein Herz nicht zu einem Abgrund des Misstrauens,
lass dich nicht zählen, wenn die Zerstörer wieder einmal aufrechnen,
wen sie auf ihrer Seite haben.
Es ist Zeit,
die Welt wie vom Weltraum zu sehen, ohne Grenzen,
weil die Zeit der Reiche und des Herrschens vorbei ist.
Es ist Zeit für das internationale Abenteuer der Liebe.

Ulrich Schaffer

Foto: Sitta Destroff

Da gehen die Menschen hin, und bewundern die Bergesgipfel, die Meeresfluten ohne Grenzen, den breiten Strom gewaltiger Flüsse, die Weiten des Ozeans und den Lauf der Sterne. Sich selber aber sehen sie nicht, und finden in sich nichts zum Staunen.

Aurelius Augustinus

Foto: Monika Bylitza

Die Grenzen, die du errichtest, werden solange für dich real sein, bis du lernst, über sie hinaus zu gehen. Dann hören sie auf, wirklich zu sein. Später wirst du auf die Realität zurückblicken, in der du gelebt hattest, und du wirst dich wundern, wie es dir einst möglich gewesen sein konnte, ihre engen Grenzen zu ertragen.

(Paul Ferrini)

Foto: Petra Krenzer

Ich will ein fremdes Land bereisen,
seine Berge bewandern,
seine Küsten erforschen,
die rauen Klippen besteigen
und Halt finden am lebensrettenden Vorsprung.
Ich will die fremden Winde spüren
und den warmen Regen auf meinen Wangen.
Meine Hände will ich in seine Erde graben.
Seine Wurzeln fühlen will ich,
schmecken sein Salz und riechen
den Duft seiner weiten Täler.
Und ich will kämpfen mit dem Land,
mich messen mit seinem Willen,
seine und meine Grenzen erforschen,
bis der Schlaf kommt und ich mich bette
auf den Blättern seines Herbstes…

Gedicht aus „Italiener und andere Süssigkeiten“
von Drehbuchautor Martin Rauhaus

Foto: Gerd Taron

Wenn du meine Grenzen schützt

Der Sohn

Vater, wenn Du meine Grenzen schützt,
werde ich wissen, dass ich Grenzen habe.
Diese Grenzen erlauben mir, zu erstarken
und meine Kräfte zu sammeln.
Vater, wenn Du meine Grenzen schützt,
kann ich mit Dir meine Kraft und Fähigkeit trainieren.
Diese Kraft und Stärke werde ich brauchen,
um die Grenzen anderer zu schützen.

Die Tochter

Vater, wenn Du meine Grenzen schützt,
werde ich wissen, dass ich Grenzen habe.
Ich werde wissen, dass ich sicher bin
und mich dem Leben in mir hingeben kann.
Vater, wenn Du meine Grenzen schützt,
werde ich für das Leben Sorge tragen können.
Ich werde in mir halten können, was des Haltes bedarf
und nähren können, was der Nährung bedarf.
Geliebter, wenn Du meine Grenzen schützt,
werde ich Dir meine Grenzen öffnen können.
Gemeinsam werden wir Leben erschaffen.
Es nähren und schützen können.
Vater, wenn Du unsere Grenzen nicht schützt,
wird unsere Suche nach Deiner inneren Stärke
über unser Leben bestimmen.
Erst wenn wir diese Stärke in uns gefunden haben,
werden wir schützen und nähren können,
werden wir sein können, was wir wirklich sind.

Sita Hahn

Foto: Veronika Dutz

Mögen die Grenzen, an die du stößt,
einen Weg für deine Träume offen lassen.

Altirischer Segenswunsch

Ich wünsche Ihnen und mir, dass die unsichtbaren Mauern überwunden werden und zu einem harmonischen Miteinander führen.

Ein grenzenlos schönes Wochenende wünscht Ihnen

Ihr/Euer

Gerd Taron

Ein Veranstaltungshinweis:

Am Sonntag, 23.09. findet zum Herbstanfang wieder ein literarischer Spaziergang rund um den Rettershof.

Er beginnt um 15 Uhr. Der Treffpunkt ist der große Parkplatz am Rettershof

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