Zuhause sein – Literarischer Wochenendgruß vom 14.09.18

Zuhause sein – Literarischer Wochenendgruß vom 14.09.18

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

in diesen Tagen ist mir bewusst geworden, dass ich mittlerweile 25 Jahre als Rheinländer im Taunus lebe. Die damals private Entscheidung zum Umzug in ein neues Land und Umgebung hat mein Leben sehr verändert – im positiven als auch im negativen.

Viele meiner Freunde aus meiner näheren Umgebung kennen diese Erfahrung aus eigenem Erleben. Sie sind aus unterschiedlichsten Gründen von Ort zu Ort gezogen. Und wenn man die kulturhistorische Geschichte betrachtet, siehe die Einwanderung in Amerika, ist dies sicher verständlich.

Meine neue „zweite“ Heimat möchte ich nicht mehr missen. Trotz aller persönlichen Widrigkeiten habe ich hier mein eigenes Zuhause gefunden, vor allem dank meines Freundeskreises.

Mit den Texten und Fotos möge der neue Wochenendgruß Sie zum Nachdenken anregen.

Foto: Olaf Jahnke

Jeder Ort kann
Dein Zuhause sein.
Soviel Heimat ist er,
wie er mit
Liebe,
Zuneigung
und
Wertschätzung
zu Dir
gefüllt
ist.

Anja Schindler

Foto: Petra Krenzer

Geh los
Geh an die Tür,
nimm deinen Schlüssel mit.
Lass die Tür nicht laut ins Schloss fallen.
Lautlosigkeit soll dich begleiten.
Nimm sonst nichts mit.
Bist du draußen, geh zur Straßenbahn
oder zum Bus, der dich an den Stadtrand bringt.
Lass die Stadt hinter dir,
vor dir ein Feld, vielleicht ein Wald,
keine Häuser mehr.
Verlass was du kennst,
vielleicht auch was du liebst.
Sieh dich nicht um,
du wirst zwar nicht zu einer Salzsäule,
aber es kann sein, dass du abgelenkt wirst
und nicht mehr weißt, was du wolltest.
Es passiert jeden Tag.
Geh durch die Felder, steig über die Zäune,
auch wenn du dir die Hosen zerreißt,
es macht nichts, viel Größeres wartet auf dich.
Wenn du willst, umgeh den dunklen Wald.
Da kommt ein Dorf, lass es links liegen,
die Hochhäuser der fernen Stadt steure nicht an.
Geh den Fluss entlang, bis du zu einer Brücke kommst.
Bleib ein wenig auf ihr stehen,
unter dir das braune Wasser, die Gräser am Ufer.
Es ist gut, dass du die Brücke gefunden hast.
Wenn man dich anspricht, geh einfach weiter.
Man wird dich schnell vergessen.
Es ist gut, dass du nicht weißt, wohin du willst,
so kann dir niemand dein Geheimnis entreißen.
Irgendwann wirst du an eine Grenze stoßen,
vielleicht ist es schon die Landesgrenze.
Betritt das fremde Land, es hat auf dich gewartet.
Im nächsten Ort,
dort wo du dich am fremdesten fühlst,
steht eine Wohnung für dich bereit.
Der Vermieter weiß Bescheid.
Der Schlüssel liegt unter der Matte.
Im linken Zimmer kannst du schlafen,
das andere, das mit dem Blick in den Garten,
soll das Zimmer der Stille sein.
Wenn du erst mal eingezogen bist,
werden sich die Wände füllen,
mit dem was dir wertvoll ist.
Es kann von selbst geschehen.
Wenn es an der Tür klingelt, mach nicht auf.
Die Ablenkung ist nicht gut für dich.
Es könnten auch deine Freunde von zuhause sein,
sie wollen dich zurückholen.
Aber sie werden bald aufgeben,
wenn sie spüren, dass du jetzt hier sein willst.
Erst jetzt wirf den Schlüssel
zu deiner alten Wohnung weg.
Lass dir keine Post nachschicken,
ruf nicht mehr an,
gewöhne dich an die neue Welt.
In einem Glas
im obersten Küchenschrank,
fast unerreichbar,
liegt die kostbare Perle.

Ulrich Schaffer

Beziehungen sind komplizierter geworden, da Chats das neue Reden sind. Diskutiert wird nur noch über Telefonate ohne Augen-Kontakt, gekämpft wird nur noch wenn ein Vorteil dabei rausspringt. Der erste Schritt wird solange hinausgezögert bis es zu spät ist und Gefühle werden nur noch in Facebookposts oder einem WhatsAppstatus „ausgesprochen“…
Eine Generation die sich unsicher ist über die eigenen Gefühle, verwirrt weil wir nichts mit Andeutungen und Spielchen anfangen können, verliebt in einen Menschen aber gebremst von seinem Verhalten, wir glauben aber nicht genug um den letzten Schritt zu machen, weil wir wissen wie schön Menschen lügen, wenn sie was erobern wollen…
Wir wollen endlich ankommen aber in einer Welt von Durchreisenden, ist ein Zuhause eben schwer zu finden…
Der Poet

Foto: Lissy Theissen

Feuer, die Herzen wärmen.

Eine Frau irrte ziellos durch die dunklen Straßen der Stadt und schaute sich dabei immer furchtsam um. Sie war auf der Flucht vor ihrem jahrelangen, kalten Zuhause und befürchtete, dass es ihr nachlaufen würde. Obwohl sie warm gekleidet war , fror sie doch sehr, und so hielt sie sich fest beide Arme vor den Oberkörper.
Immer wieder kam sie an kleinen Lagerfeuern vorbei, an denen jeweils ein Mann saß. Sie hätte sich gerne zu einem gesetzt, um sich ein wenig aufzuwärmen, doch bemerkte sie schnell, dass diese Feuer nur auf Sparflamme brannten und fast zu erlöschen drohten.
Sie ging enttäuscht und frierend weiter.
Die schwachen Flammen warfen ein spärliches Licht auf nett anzuschauende Männergesichter und die Frau war so manches Mal verlockt, sich zu einem zu setzen. Die trügerische Hoffnung war nur allzu groß, sich bei einem von ihnen aufwärmen zu können.
Mit eiskalten Füssen und ebensolchem Herzen stolperte sie weiter und die Zuversicht schwand mit der Zeit.
Als sie schon nicht mehr daran glaubte, erblickte sie auf einmal ein großes Feuer, an dem ein älterer, unscheinbarer Mann saß.
Die Frau wurde von seinen guten Augen angezogen und sie ging zögernd auf ihn zu.
Der Mann lächelte sie einladend an und dieses Lächeln verlieh ihm auf einmal unglaubliche Attraktivität.
Er reichte der Frau seine Hände und half ihr, sich zu ihm zu setzen. Dann nahm er eine dicke Decke und legte sie über ihre und seine Schultern. Sie rückten eng zusammen und genossen die Wärme des Feuers, dass auf einmal noch intensiver brannte als vorher.
Die Frau wusste, sie würde von nun an nie mehr frieren müssen.

– Annerose Pützer –

Foto: Gerd Taron

Ich bin auf meinem Weg,
indem ich mich freigebe von allem,
was mich daran hindert
mich selbst zu sein.
Wandernd lege ich meine Rollen ab,
die ich lange genug gespielt habe.
Wandernd lasse ich meine Masken fallen,
die lange genug mein wahres Wesen versteckt und entstellt haben.
Nun, wer bin ich denn,
wenn all das Zufällige weggefallen ist,
wenn nicht mehr zählt, was ich geleistet habe,
wenn nicht mehr wichtig ist, was ich bei den Menschen gegolten habe.
Wandernd gehe ich hinein in mein Wesen,
in meine Wahrheit,
in mein Zuhause,
zu meinem Gott meines Wesens! ” ༺ಌ༺

nach Anselm Grün

Foto: Gerd Taron

Jeder Mensch braucht ein Refugium,
wo er sein kann, wie er ist.
Es ist dabei egal, ob es die kahle Hütte am
Berg sei, das heimische Wohnzimmer
oder das Blätterdach des Waldes,
doch jeder Mensch braucht einen Platz,
wo er schweigsam werden kann,
demütig sich selbst gegenüber,
wo das Leben sich wieder
ungestört in die Mitte begibt,
wo die Zeit still steht.
Jeder Mensch braucht einen Ort
der Stille, des Zuhauses mit sich selbst.

Anja Schindler

Foto: Gerd Taron

Ich gehöre dazu
Wenn ich wieder einmal nach dem Sinn frage,
sagt eine Stimme in mir,
dass es reicht, hier gewesen zu sein.
Ich bin vor Jahrzehnten erschienen,
habe einen Platz eingenommen.
Ich habe einen Eindruck von Leben bekommen
und einen Eindruck hinterlassen,
so wie man am frühen Morgen Spuren im Tau hinterlässt.
Es reicht, hier gewesen zu sein.
Unter dieser Erkenntnis fallen die hohen Ziele von mir ab.
Ich habe ein Stück des Planeten bewegt,
so wie er mich berührt hat.
Ich habe Freundschaften geschlossen, Erkenntnisse gesammelt,
kleine Paradiese geschaffen, große Ambitionen losgelassen.
Ich habe geliebt und gelacht, gedacht und gelitten.
Ich war dabei, war Teil der großen Familie der Menschen
und bin noch dabei.
Ich bin ein Teil des globalen Kreises,
bin Teil eines Akkords in einer unvollendeten Sinfonie,
Teil des Bildes, blaue Schlieren auf dunkelbraunem Grund.
Mein Hauch hängt noch in den Fasern der Welt.
Ich stehe im Segen des Dazugehörens,
jetzt und für immer.

Ulrich Schaffer

Foto: Gerd Taron

Menschen suchen ihr Leben lang ein Zuhause, ein Herz und zärtliche Hände, eine stille Gegenwart, die bleibt, auch wenn es keine Worte mehr gibt.

(Phil Bosmans)

Ich wünsche allen Lesern des Wochenendgrußes ein erholsames und besinnliches Wochenende.

Ihr/Euer

Gerd Taron

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