Zwischen den Zeiten – Literarischer Wochenendgruß vom 17.11.17

Zwischen den Zeiten – Literarischer Wochenendgruß vom 17.11.17

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

es ist November – ein Monat, in dem der Herbst sich dem Ende neigt und der Winter noch nicht begonnen hat. Für viele verbindet sich damit Traurigkeit. Aber es ist auch eine Zeit zum Innehalten. Die Natur begibt sich zur Ruhe und bereitet ihren Winterschlaf vor, um dann im Frühling neu zu erwachen.

Die folgenden Texte und Fotos mögen dazu beitragen, dass für Sie der November keine tristen Tage bereithält.

Foto: Gerd Taron

November

Blätterfell fällt
nackt nun die Zweige
schlaflos der Fuchs
und der Mond auf der Geige

spielt sein Lied
schwarz die Nacht
lässt die Nebelfrau tanzen
und Häwelmann lacht

Uta Franck

Foto: Gerd Taron

Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.
Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,
Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter

Auf dem Weg zum Staufen – Kelkheim – Foto: Gerd Taron

Die Zeit, die sich ausbreitet,
ist die Zeit der Geschichte.
Die Zeit, die hinzufügt,
ist die Zeit des Lebens.
Und die beiden haben nichts gemeinsam,
aber man muß die eine nutzen können
wie die andere.

(Antoine Saint-Exupéry)

Am Gimbacher Hof Kelkheim – Foto: Gerd Taron

Die Zeit und ich
(für Siegfried P.)

„Was machst du?“, frage ich die Zeit.
„Verrinnen“, sagt sie und errötet.
Im Stillen aber grinst sie breit.
Schon hat sie mir den Nerv getötet.
„Verrinnen werd ich wohl noch dürfen“,
sagt sie und hebt ihr Stundenglas.
Nachher wird sie ein Weinchen schlürfen.
Ich kenn sie nämlich, dieses Aas!
Kaum brüt ich aus gedankenschwer
was wirklich Neues, Großes halt,
schon macht die Zeit sich drüber her,
und binnen kurzem ist es alt.
Sie macht die Runzeln und die Falten,
sie macht, dass mir die Milch verdirbt.
Die Jungen macht sie flugs zu Alten,
und schließlich macht sie, dass man stirbt.
„Kannst du was anderes als verrinnen?“,
frag ich die Zeit. Sie kichert blöde.
„Ja, doch, ich kann auch manchmal spinnen.“
Ich hab’s geahnt, die Zeit ist öde.
Sie rinnt und spinnt und pichelt Wein
und wird die ganze Welt vernichten.
Ich sag ihr: „Du bist hundsgemein.
Auf dich kann ich ganz gut verzichten“.
Drauf grinst sie breit und immer breiter.
„Mein lieber Freund, du bist nicht weise.
Das Leben geht halt immer weiter.“
Ich nicke und verdrück mich leise.

Paul Pfeffer

Im Woogtal – Königstein im Taunus – Foto: Gerd Taron

November

graue Tage
Nebel steigen
der Winter
steht vor der Tür

Melancholie singt ihr Lied
du singst müde mit

November

heißer Tee
Kerzenschein
ein guter Film
Musik für’s Herz

Freude singt ihr Lied
und du singst leise mit

November ist
was man daraus macht

© Engelbert Schinkel

Am Gimbacher Hof Kelkheim – Foto: Gerd Taron

November – Zeit der Stille und Gelegenheit zur Begegnung. Ein Monat, der durch alle Stimmungen der Natur die hellen und dunklen Seiten unserer Seele anspricht und sie verwandelt. Beide Seiten gehören zu uns, sie gehören zum Leben.

Anselm Grün

Ich wünsche Ihnen für dieses Wochenende, dass Sie die Zeit finden, zur Ruhe zu kommen und innerzuhalten

Ihr/Euer

Gerd Taron

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