Da wohnt niemand mehr – Literarischer Wochenendgruß vom 24.03.17

Da wohnt niemand mehr – Literarischer Wochenendgruß vom 24.03.17

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

„Da wohnt niemand mehr“. Dies war der letzte Satz eines Polizisten in einem Telefonat mir gegenüber. Der Polizist antwortete damit auf meine Frage, warum seit vielen Tagen keine Zeitung mehr ins Haus einer Abonnentin geholt wurde. Sie bekam ihre Tageszeitungen nach Absprache direkt vor die Haustüre ihres kleinen Häuschens in einem Wochenendgebiet gelegt. Aufgrund ihres hohen Alters war sie nicht mehr in der Lage, die Zeitungen an ihrem eisernen Tor entgegen zu nehmen.

Diese Geschichte ereignete sich erst vor wenigen Tagen und veranlasste mich trotz des frohmachenden Frühlingsanfangs dieses traurige Ereignis zum Thema des neuen Wochenendgrußes zu wählen.

Foto: Gerd Taron

An Mauern hin

Es geht ein alter Weg entlang
An wilden Gärten und einsamen Mauern.
Tausendjährige Eiben schauern
Im steigenden fallenden Windgesang.

Die Falter tanzen, als stürben sie bald,
Mein Blick trinkt weinend die Schatten und Lichter.
Ferne schweben Frauengesichter
Geisterhaft ins Blau gemalt.

Ein Lächeln zittert im Sonnenschein,
Indes ich langsam weiterschreite;
Unendliche Liebe gibt das Geleite
Leise ergrünt das harte Gestein.

Georg Trakl

Foto: Gerd Taron

Das ist die Sehnsucht: Wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: Leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
Die Einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

(Rainer Maria Rilke)

Foto: Gerd Taron

Ihr sollt nicht eure Flügel falten,
damit ihr durch Türen kommt,
noch eure Köpfe beugen,
damit sie nicht gegen eine Decke stoßen,
noch Angst haben zu atmen,
damit die Mauern nicht bersten und einstürzen.
Ihr sollt nicht in Gräbern wohnen,
die von den Toten für die Lebenden gemacht sind.
Und obwohl von Pracht und Glanz,
sollte euer Haus weder euer Geheimnis hüten,
noch eure Sehnsucht beherbergen.
Denn was grenzenlos in euch ist,
wohnt im Palast des Himmels,
dessen Tor der Morgennebel ist und dessen
Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.
(Khalil Gibran)

Foto: Gerd Taron

Abendphantasie

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäftger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh‘ und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb‘ und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
(entstanden und gedruckt 1799)

Johann Christian Friedrich Hölderlin
Genießen Sie die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des beginnenden Frühlings an diesem Wochenende. Es gehört zum Leben. Der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter.

Ihr/Euer
Gerd Taron

Zwei Hinweise:

Informationen zum literarischen Wochenendgruß
Untenstehend habe ich einige Informationen zum literarischen Wochenendgrußes beigefügt. Immer wieder ich gefragt, wie viel Aufwand die Erstellung des Wochenendgrußes bedeutet und ob er kostenlos ist usw. Antworten auf diese und andere Fragen finden Sie fort entsprechend.

Literarischer Frühlings-Spaziergang am Sonntag, 26.03. – 15 Uhr
Am kommenden Sonntag mit der beginnenden Sommerzeit startet meine literarische Freiluft-Saison. Sie sind herzlich eingeladen dabei zu sein, wenn Geschichten und Gedichte rund um den Frühling präsentiert werden. Treffpunkt ist die Linde am Rettershof in Kelkheim-Fischbach.

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