Zurück zu den Wurzeln – Literarischer Wochenendgruß vom 10.02.17

Zurück zu den Wurzeln – Literarischer Wochenendgruß vom 10.02.17

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

die Begegnungen und Gespräche der letzten Tage in meinem persönlichen Umfeld haben mich dazu geführt, über die eigene Herkunft sich wieder neu zu besinnen. Man kehrt, sofern möglich, an die Stätten seiner Kindheit und Jugend zurück und fragt sich, was aus seinem eigenem Leben geworden ist oder hätte werden können. Dies bewegt nicht nur die Generation der „Alten“, sondern auch meine eigene. Ich gehöre zu der Generation 50 +, die die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit in ihrer vielfältigen Form erlebt hat. Es ist eine andere Generation, als die unserer Eltern, die Ihre Kindheit und Jugend unter der ständigen Bedrohung und Gefahr ihres Lebens bewältigen mussten. Viele von ihnen wurden entwurzelt und mussten an fremden Orten sich ein neues Leben aufbauen.

In diesen Gesprächen wurde mir deutlich, dass die Sehnsucht an die Stätten des eigenen Ursprungs zurück zu kehren, sehr groß ist. Alte Fotos aus Kindertagen wecken Erinnerungen. Das menschliche Gedächtnis ist auf Langzeitwirkung angelegt. Vieles „schlummert“ und kommt, je älter man wird, wieder an das Tageslicht.

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Im Brentanopark in Frankfurt-Rödelheim – Foto: Gerd Taron

Wenn ein Baum entwurzelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue Sprossen hervor, und so kehrt auch oft eine Seele, die in der Blüte krank wurde und verdarb, in die frühlingshafte Zeit der Anfänge, und ahnungsvollen Kindheit zurück, als könnte sie dort neue Hoffnungen entdecken, und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen..
.
Hermann Hesse

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Im Kurpark von Königstein im Taunus – Foto: Gerd Taron

Was zerbrochen ist

Ich werde das,
was zerbrochen ist,
zerbrochen lassen.
Als Erinnerung an die Ruinen
in mir und um mich
und gegen den Zwang
des Ganzen und Heilen,
weil ich weiß,
dass auch das Zerbrochene
auf geheimnisvolle Weise
heil ist.
Manchmal gelingt es –
vielleicht nur sekundenlang –
mein Leben als Baum zu verstehen,
der wächst und wächst
und die Verbindung
von Wurzeln und Krone,
von Füßen und Herz erhält,
wie ein Heiligtum.

Ulrich Schaffer

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Blick auf meine Geburtsstadt Köln –Foto: Marita Henriette

Heimat

Heimat trägst du
im Herzen.
Sie lässt dich nicht
los. Ist ein
Gefühl der Erde
und ihres Himmels
der Früchte und Feste
der Lieder.

Heimat sind Menschen,
Worte und Zärtlichkeiten.
Heimat ist überall dort,
wo man dich geliebt hat,
wo man dich liebt.
Heimat ist Fernweh und Heimweh,
ist Sehnsucht nach Himmel
über und in dir.

Lissy Theissen

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Baum im Brentanopark in Frankfurt-Rödelheim – Foto: Gerd Taron

Es gibt so viele Dinge zum Erzählen…

Es gibt so viele Dinge von denen ein alter Mann einem
erzählen müsste, solange man klein ist; denn wenn man
erwachsen ist, wäre es selbstverständlich, sie zu kennen.
Da sind die Sternenhimmel, und ich weiss nicht, was die
Menschen über sie schon erfahren haben, ja, nicht einmal
die Anordnung der Sterne kenne ich.
Und so ist es mit den Blumen, mit den Tieren, mit den
einfachsten Gesetzen, die da und dort wirksam sind
und durch die Welt gehen mit ein paar Schritten von
Anfang nach Ende. Wie ein Leben entsteht, wie es wirkt
in den geringen Wesen, wie es sich verzweigt und
ausbreitet, wie Leben blüht, wie es trägt: alles das
zu lernen, verlangt mich.
Durch Teilnahme an alledem mich fester an die
Wirklichkeit zu binden, die mich so oft verleugnet, –
da zu sein, nicht nur dem Gefühl, sondern auch dem
Wissen nach, immer und immer, das ist es, glaube ich,
was ich brauche, um sicherer zu werden und weniger
heimatlos.

Rainer Maria Rilke

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Im Brentanopark in Frankfurt-Rödelheim – Foto: Gerd Taron

An die Freunde

Wieder einmal ausgeflogen.
Wieder einmal heimgekehrt.
Fand ich doch die alten Freunde
Und die Herzen unversehrt.
Wird uns wieder wohl vereinen.
Frischer Ost und frischer West?
Auch die losesten der Vögel
Tragen allgemach zu Nest
Immer schwerer wird das Päckchen.
Kaum noch trägt es sich allein.
Und in immer engre Fesseln
Schlingest uns die Heimat ein.
Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder fest gebannt.
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land

Theodor Storm

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Vielleicht blättern Sie einmal in alte Fotobücher oder anderen Kindheitserinnerungen

Ihr/Euer
Gerd Taron

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