Die Armut von nebenan – Literarischer Wochenendgruß vom 20.01.17

Die Armut von nebenan – Literarischer Wochenendgruß vom 20.01.17

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

immer wieder erreichen uns medienwirksam Bilder von der Armut auf unserer Erde. Sie berühren uns. Wir fühlen uns oft machtlos, wenn wir diese Menschen in ihrem Elend sehen. Aber es gibt auch eine Armut, die nicht sichtbar ist.

Diesen Wochenendgruß widme ich den Menschen, die arm sind und die nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Menschen, wie diese

– Männer und Frauen, die von ihrer Rente nicht leben können und nicht jammern und versuchen ihre Würde zu bewahren.

– Familien, die trotz einer Vollzeittätigkeit des Vaters oder der Mutter auf „ergänzende Sozialhilfe“ angewiesen sind

– Alleinerziehende Mütter und Väter, die ihren Kindern eine lebenswerte Zukunft geben möchten

– Menschen, die aus den verschiedensten Gründen in besonderen schwierigen Lebenssituationen geraten sind

Manchmal erzählen diese Menschen von ihrer Lebensgeschichte. Aber viele haben nicht den Mut und die Kraft dazu.

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Dieses Foto stellen Eisblumen an einem Dachfenster dar. Es gibt in diesem Wochenendgruß bezogen auf das Thema des Wochenendgrußes keine weiteren Fotos. Stattdessen habe ich die jeweiligen Texte durch einen Gedankenstrich getrennt.

Es gibt Menschen,
die verkleiden sich,
ziehen eine Trommel an,
legen Federn an und einen
Umhang aus Magie.
Es gibt Menschen,
die ziehen eine Maske auf,
welche von Schönheit,
Geld
und Liebe spricht.
UND
Es gibt Menschen, die
Dir in der Jogginghose
an der Haustür
die wichtigsten Worte
Deines Lebens
sprechen.
Sie drücken Dir einen Kuss auf
die Wange,
berühren stärkend Deine Schulter
und
folgen weiter ihrem Alltag,
denn sie sind nicht
anders, wie Du selbst.

Anja Schindler

Feuer, die Herzen wärmen.

Eine Frau irrte ziellos durch die dunklen Straßen der Stadt und schaute sich dabei immer furchtsam um. Sie war auf der Flucht vor ihrem jahrelangen, kalten Zuhause und befürchtete, dass es ihr nachlaufen würde. Obwohl sie warm gekleidet war , fror sie doch sehr, und so hielt sie sich fest beide Arme vor den Oberkörper.
Immer wieder kam sie an kleinen Lagerfeuern vorbei, an denen jeweils ein Mann saß. Sie hätte sich gerne zu einem gesetzt, um sich ein wenig aufzuwärmen, doch bemerkte sie schnell, dass diese Feuer nur auf Sparflamme brannten und fast zu erlöschen drohten.
Sie ging enttäuscht und frierend weiter.
Die schwachen Flammen warfen ein spärliches Licht auf nett anzuschauende Männergesichter und die Frau war so manches Mal verlockt, sich zu einem zu setzen. Die trügerische Hoffnung war nur allzu groß, sich bei einem von ihnen aufwärmen zu können.
Mit eiskalten Füssen und ebensolchem Herzen stolperte sie weiter und die Zuversicht schwand mit der Zeit.
Als sie schon nicht mehr daran glaubte, erblickte sie auf einmal ein großes Feuer, an dem ein älterer, unscheinbarer Mann saß.
Die Frau wurde von seinen guten Augen angezogen und sie ging zögernd auf ihn zu.
Der Mann lächelte sie einladend an und dieses Lächeln verlieh ihm auf einmal unglaubliche Attraktivität.
Er reichte der Frau seine Hände und half ihr, sich zu ihm zu setzen. Dann nahm er eine dicke Decke und legte sie über ihre und seine Schultern. Sie rückten eng zusammen und genossen die Wärme des Feuers, dass auf einmal noch intensiver brannte als vorher.
Die Frau wusste, sie würde von nun an nie mehr frieren müssen.

Annerose Pützer

Jeder Mensch ist ein Diamant,
mit Ecken und Kanten.
Vielleicht sieht man es nicht immer
auf den ersten Blick.
Mancher strahlt schon aus der Ferne,
da er einen besonderen Schliff genossen hat.
Andere werden nicht behandelt ,
verstauben in einem Kästchen,
warten darauf, ihren Glanz zu entfalten.
Manche haben Sprünge oder splittern sogar,
da sie noch Rohlinge sind
oder falsch behandelt wurden.
Doch wenn man sie
mit der Lupe richtig betrachtet,
sind sie die wertvollsten Diamanten von allen.

[© Gudrun Kottinger]

Ein Mensch jedoch, der nicht völlig entfremdet ist,
der noch immer empfindsam geblieben ist
und noch fühlen kann, der noch nicht
den Sinn für Würde verloren hat,
der noch nicht „käuflich“ ist,
der am Leiden anderer selbst noch
zu leiden vermag, der noch nicht vollständig
in der Existenzweise des Habens lebt,
kurzum jemand, der noch Person geblieben
und nicht zum Ding geworden ist,
ein solcher Mensch kann nicht anders,
als sich in der heutigen Gesellschaft einsam,
ohnmächtig und isoliert zu erleben.

Erich Fromm

Manche Menschen wissen nicht..
wie wichtig es ist.. dass sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht..
wie gut es ist.. sie nur zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht..
wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht..
wie wohltuend ihre Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht..
wieviel ärmer wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht..
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

Sie wüßten es.. würden wir es ihnen sagen

Autor unbekannt

Am Ende dieses Wochenendgrußes danke ich allen Menschen, die den Blick auf die armen Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung haben und mit ihren Mitteln behilflich sind. Es gibt sie, die Engel des Alltags und auch diese bleiben oft für die Außenwelt unsichtbar.

Ihr/Euer
Gerd Taron

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Ein Kommentar zu “Die Armut von nebenan – Literarischer Wochenendgruß vom 20.01.17

  1. Ein sehr bewegender“ Literarischer Wochenendgruß „. Wieder einmal, lieber Gerd Taron! Ich schätze Ihre literarischen Zusammenstellungen sehr und das Foto ist auch toll.Herzliche Grüße in den winterlichen Taunus aus dem Rheinland! 😊

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