Zuhause sein – Literarischer Wochenendgruß vom 11.11.16

Zuhause sein – Literarischer Wochenendgruß vom 11.11.16

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

es ist die Jahreszeit gekommen, wo sich jeder gerne in sein warmes Zuhause zurückzieht. Viele Menschen auf dieser Erde habe nicht diese Möglichkeit. Ihr Heim sieht anders aus als das unserer zivilisierten Welt.

In dieser Woche wurde das Buch „Kelkheim schreibt ein Buch“ vorgestellt. Die Edition Pauer hatte die Bewohner der Stadt Kelkheim am Taunus gebeten, ihre Texte über ihre Stadt zu schreiben. Daraus ist ein wunderbares Buch geworden mit vielen nachdenklichen und amüsanten Texten und Bildern über eine Stadt mit vielen Facetten.

Eine andere Kelkheimerin, Barbara Riedel, ist als digitale Nomadin in aller Welt unterwegs. In einem Beitrag des hessischen Fernsehens beschreibt sie sehr anschaulich, wo ihr Zuhause ist. Und sie erzählt am Ende davon, dass sie immer wieder gerne an ihr Zuhause, in Kelkheim, nach den langen Reisen zurückkehrt.

Wo ist Ihr persönliches Zuhause? Wohin kehren Sie immer wieder gerne zurück? Ist es Ihre gemütliche Wohnung oder Heim, sind es die Menschen, die Nachbarn, die Familie, die Freunde? Die Autorin Uta Franck schreibt im obengenannten Buch ein lesenswerten Artikel über „In Kelkheim wohnt man gut“. Es kann sicher auch jeder andere Ort auf dieser Erde sein – man muss ihn nur finden.

Weitere Informationen über das Buch und Barbara Riedel finden Sie am Ende des Wochenendgrußes

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Foto: Gerd Taron

Es kommt eine Zeit,
da lassen die Bäume
ihre Blätter fallen.
Die Häuser rücken
enger zusammen.
Aus den Schornsteinen
kommt Rauch.
Es kommt eine Zeit,
da werden die Tage klein
und die Nächte groß,
und jeder Abend hat
einen schönen Namen.
Einer heißt Hänsel und Gretel.
Einer heißt Schneewittchen.
Einer heißt Rumpelstilzchen.
Einer heißt Hans im Glück.
Einer heißt Sterntaler.
Auf der Fensterbank
im Dunkeln,
dass ihn keiner sieht,
sitzt ein kleiner Stern
und hört zu.

(Elisabeth Borchers)

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Foto: Birgit Böllinger

HAUS SCHÖNBLICK
Es steht am
Berg, am See, am Meer.
Blumenzier verströmt ihren Duft
von verlorenen Paradiesen,
einladende Fenster,
bei strahlendem Sonnenschein
juwelengleich funkelnd.
Des Hauses schöne Pforte
für Freundschaft und Liebe
weit offen bis zum Himmel,
zum Meer, zum See, zum Berg.
Balkone, Sonnenterrassen
und lichtdurchflutete innere Räume,
eine Oase des Glücks,
für Gäste und Bleibende.
Musik, die einfängt,
Lichter voll Glanz,
Speisen wie Küsse
streicheln die Zunge.
Schönblicks Betten
üppig und reich umhüllen
mit zärtlichen Kissen
jeden Weilenden.
Haus Schönblick weiß
um Lust und Liebe,
um Leid und Leidenschaft
seiner Bezwinger
von Bergen und Wasser,
der steilen Spitzen, Klüfte
und tiefen Abgründe.
Es weiß um
peitschende Stürme
und verletzenden Hagel
seiner Bewohner,
auch seiner selbst.
Wütet das Meer,
grollen Berg und See,
ächzt das Haus.
Im klirrenden Winter
erstarren
Fenster und Türen zu Eis
und seine Keller
laufen voll Wehmut und Trauer.
Doch Schönblick
am Berg, am See, am Meer
hofft auf Frühling und Freundschaft,
bleibend und neu,
und jedes Haus
bleibt da, wo es ist,
und schaut zufrieden,
ja glücklich hinaus.

© Lissy Theissen

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Foto: Gerd Taron

Dein Haus

Mit viel Sorgfalt und Liebe
entzieht dir das Leben die begehrten Geschenke:
die leuchtenden Blumen der Schönheit,
die offenen Türen des fertigen Glücks,
die sich überschlagenden Zahlen des Erfolgs.
Es traut und mutet dir mehr zu.
Auch aus dem, was du nicht kannst,
vielleicht sogar aus dem, was du nicht bist,
baust du ein Haus, erst sparsam
und mit viel Anstrengung,
später mit Überzeugung und Begeisterung.
Jedes Zimmer ist ein Raum der Achtsamkeit,
jedes Fenster Versuchung und Herausforderung,
jede Tür ein Abenteuer,
der Keller ein Fundament für jedes Stockwerk,
das du noch draufsetzt.
Im Garten pflanzt du Blumen,
deren Dornen sie nicht hindern
schön zu sein: Rose, Distel, Kaktus.
Hier wirst du die Tänzerin in Fesseln,
aber du wirst tanzen, und dein Ausdruck
wird hinreißend sein,
du wirst Dichterin ohne Worte sein,
aber deine Gedichte werden verzaubern,
und du wirst die Malerin im Dunklen sein
mit Bildern, die Licht ausstrahlen.
Du wirst Meisterin deiner Begrenzung,
deren Überwindung Legende sein wird
in der Annalen der Schönheit.

Ulrich Schaffer

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

An die Freunde

Wieder einmal ausgeflogen,
Wieder einmal heimgekehrt;
Fand ich doch die alten Freunde
Und die Herzen unversehrt.
Wird uns wieder wohl vereinen
Frischer Ost und frischer West?
Auch die losesten der Vögel
Tragen allgemach zu Nest.
Immer schwerer wird das Päckchen,
Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln
Schlinget uns die Heimat ein.
Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder fest gebannt;
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land.

Theodor Storm (1817 – 1888)

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Blick vom Atzelberg-Turm in Kelkheim-Eppenhain – Foto: Gerd Taron

Herbstmorgen

Der Tag erwacht.
Stille überall.
Nebelschwaden wallen über die sanften Hügel
und schlucken den leise fallenden Tau.
Weite Felder verschmelzen mit dem Horizont.
Der Weg verliert sich in der grauen Unendlichkeit.
Groß und mächtig thront der Baum vor der grauen Nebelwand.
Schwer und tief hängen seine Äste von der rot-gelben Pracht.
Die Leiter erwartungsvoll am dicken Stamm gelehnt.
Verschwommen der Waldrand.
Der grelle Schrei eines Eichelhähers durchzuckt die Stille.
Ein Eichhörnchen schwingt sich behände von Ast zu Ast.
Kaum zu hören.
Ein leichter Hauch weht die ersten goldgelben Boten
auf den feuchten Waldboden.
Bald zugedeckt.
Sanft knackend fällt eine reife Nuss zwischen die sich reckenden Bäume
auf den weichen Grund.
Leicht schwingt sich ein Bussard durch die feuchte Stille
des pastelligen Morgens.

Der Tag erwacht.

Birgit Gröger (aus dem Buch „Kelkheim schreibt ein Buch“)

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Foto: Christina Eretier

Ich wünsche dir Füße,
die dich auf den Weg bringen,
zu dem, was wichtig ist
und die nicht stehen bleiben
vor den Schritten,
die entscheidend sind.

Ich wünsche dir ein Rückgrat,
mit dem du aufrecht
und aufrichtig leben kannst
und das sich nicht beugt
vor Unterdrückung,
Willkür und Macht.

Ich wünsche dir ein Herz,
in dem viele Menschen zu Hause sind
und das nicht müde wird,
Liebe zu üben und
Schuld zu verzeihen.

Auszug aus einem jüdischen Segensspruch,

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Zuhause finden, wo immer das sei.

Ein besinnliches Wochenende wünscht

Ihr/Euer

Gerd Taron

Hier noch einige Hinweise:

Über das Buch: „Kelkheim schreibt ein Buch“:

http://www.fnp.de/lokales/main-taunus-kreis/Kelkheimer-Autoren-von-9-bis-90;art676,2312398?utm_source=socialocal.de&utm_medium=facebook

Sendungen über Barbara Riedel
Hessenschau vom 03.11.16
http://hessenschau.de/tv-sendung/video-24000.html

Außerdem gibt es auf meiner WordPress-Seite einen Rückblick von der Lesung mit Uta Franck im Landratsamt Hofheim:

https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/2016/11/10/von-der-kunst-maerchen-zu-schreiben-und-zu-erzaehlen-lesung-mit-uta-franck-in-hohfieim-am-taunus/

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Ein Kommentar zu “Zuhause sein – Literarischer Wochenendgruß vom 11.11.16

  1. Wieder ein wunderbarer literarischer Wochenendgruß! Herzlichen Dank, lieber Gerd!😊

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