Frühlings-Ankunft am Rettershof im Taunus

Frühlings-Ankunft am Rettershof im Taunus
Ein literarischer Frühlings-Spaziergang mit Gedichten und Geschichten

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Der Rettershof – Eingang zum Innenhof

Kelkheim-Fischbach, 20.03.16

Er ist’s
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
FRÜHLING, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!
Eduard Mörike

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Unter der Linde – das Foto entstand 3 Tage vor dem Spaziergang bei schönstem Frühlingswetter

Unter der Linde am Rettershof versammelten sich interessierte Literaturfreunde zu einem literarischen Frühlings-Spaziergang mit dem Antiquar Gerd Taron. Zugegeben, so sonnig auf dem Foto oben war es zum kalendarischen Frühlingsanfang nicht. Aber es war trocken und bei entsprechender Kleidung ließ es sich aushalten.
Über Stufen ging es hinauf zunächst am Schlosshotel vorbei. Es gab Gelegenheit sich das Gelände des Retterhofes von oben zu betrachten und dabei einigen Gedichten zu lauschen. Nicht weit entfernt davon gibt es eine besondere Wegkreuzung. Es ist der Lieblingsort von Gerd Taron.

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Blick auf den Rettershof – Das Foto entstand Ende Februar 2014

Frühlings Ankunft
Grüner Schimmer spielet wieder
Drüben über Wies‘ und Feld.
Frohe Hoffnung senkt sich nieder
Auf die stumme trübe Welt.
Ja, nach langen Winterleiden
Kehrt der Frühling uns zurück,
Will die Welt in Freude kleiden,
Will uns bringen neues Glück.
Seht, ein Schmetterling als Bote
Zieht einher in Frühlingstracht,
Meldet uns, dass alles Tote
Nun zum Leben auferwacht.
Nur die Veilchen schüchtern wagen
Aufzuschau’n zum Sonnenschein;
Ist es doch, als ob sie fragen:
»Sollt‘ es denn schon Frühling sein?«
Seht, wie sich die Lerchen schwingen
In das blaue Himmelszelt!
Wie sie schwirren, wie sie singen
Über uns herab ins Feld!
Alles Leid entflieht auf Erden
Vor des Frühlings Freud‘ und Lust –
Nun, so soll’s auch Frühling werden,
Frühling auch in unsrer Brust!
(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

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Interessierte Zuhörer – Foto: Ira Lenski

Weiter führte der Spaziergang Richtung Streuobstwiesen. An idyllisch gelegenen Plätzen gab es immer wieder Geschichten und Gedichten zu lauschen:

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Fragen vom Schmetterling

“Wie lang ist das Leben und was kommt danach?“ fragte der Schmetterling Gott. “Was war davor? Warum weiß ich nichts davon? – Viele, schwere Fragen an einem schönen Frühlingstag. Fragen an Gott und es gab keine Antworten. Oder? träumte der Schmetterling?
Etwas oder jemand ließ ihn spüren, dass er nicht alleine war: “ Du kannst dein ganzes Leben noch einmal erleben. Fliege ganz hoch , so hoch wie du kannst, und du wirst Augen haben, die alles sehen; Ohren, die alles hören und eine Seele, die alles fühlt.“ – Und der Schmetterling flog und flog. Er strengte sich an, höher und höher. Er gab seine ganze Kraft hin.
Als er nicht mehr konnte, gab er auf und ließ sich fallen. Aber er fiel nicht, er wurde gehalten, unsichtbar getragen. Er schwebte. Er spürte Licht um sich herum, hörte unbekannte Töne und sah plötzlich ein Bild vor sich. Er platzte auf, wie eine Seifenblase. Er sah einen Schmetterling, der an einen Busch flog, seine Eier ablegte und verschwand. Die Sonne kam, der Regen fiel und aus einem Ei schlüpfte eine Raupe, ganz klein und fast unsichtbar. Der Schmetterling spürte plötzlich in seiner Seele: – Das bin ich. Ich bin dieser kleine Wurm. – Er staunte.

Die Raupe kletterte los, fraß von den Blättern, versteckte sich vor den Vögeln und Insekten. Sie lebte gut. Kein Tag war wie der andere. Manchmal hatte sie Angst, gefressen zu werden, und versteckte sich. Mal sonnte sie sich übermütig. Sorgen kannte sie nicht und wuchs prächtig. Sie wurde dicker, träger und langsamer. “Was soll aus der wohl werden“, fragte sich der Schmetterling, “und wie bin ich so schön geworden?“

Die Raupe suchte sich einen schönen verstecken Platz. Sie streckte sich an der Unterseite eines kleinen Zweiges und spann sich ein. Langsam aber war nicht mehr viel von ihr zu sehen. “Stirbt die Raupe?“ sorgte sich der Schmetterling. “Ja,“ hörte er Antwort, “sie stirbt und erwacht zu neuem Leben. Sie wechselt ihre äußere Hülle. Das Alte vergeht und das Neue wächst heran. Schau!“ Und er sah hinein in die Hülle, die Puppe. Die Raupe war nicht mehr da, er erschrak.

Feine Gliedmaßen entstanden, alles verwandelte sich. Ein Bild löste das andere ab. – Der Schmetterling staunte. – Beinah hätte er übersehen, wie die Puppe sich unten öffnete. Ein kleines Loch entstand. Eine neue Gestalt kletterte, nein schob sich langsam heraus und saß im Licht. Die Sonne wärmte sie und sie atmete tief ein. Das neue Leben hatte begonnen. Die Gestalt breitet die zarten Flügel aus und erhob sich in die Luft.

“Das bin doch ich.“ Dachte der Schmetterling. “Er sah noch einmal sein Leben bis zu dem Flug, der ihn höher und höher trug. “Ja, das bist du.“ Sagte Gott. “Du weißt nun, was vorher war und was nachher kommt. Sonst sieht jeder nur seinen Lebenszeitraum, seine Erfahrung. Er spürt nicht das neue Leben und auch nicht die Ankunft im Licht. Nur weil du dich fallen gelassen hast, weil du vertraut hasst, konntest du mehr sehen.“

Friedrich Rückert (1788 – 1866)

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Foto: Ira Lenski
Original gelesen aus einem alten Buch um 1900 „Zum Vortrage – Eine Sammlung deutscher Gedichte“.

Maler Frühling

Der Frühling ist ein Maler,
er malet alles an,
die Berge mit den Wäldern,
die Täler mit den Feldern:
Was der doch malen kann!
Auch meine lieben Blumen
schmückt er mit Farbenpracht:
Wie sie so herrlich strahlen!
So schön kann keiner malen,
so schön, wie er es macht.
O könnt ich doch so malen,
ich malt ihm einen Strauß
und spräch in frohem Mute
für alles Lieb und Gute
so meinen Dank ihm aus!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

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Auf der Tasche von der Buchhandlung „Shakespeare und So“ ist der berühmte Dichter William Shakespeare abgebildet – Von ihm gab es allerdings kein Gedicht zu hören …

Foto: Ira Lenski

Zum Abschluss gab es dann im gemütlichen Reiterstübchen den literarischen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen oder etwas Herzhaftem ausklingen zu lassen.
Es hat allen sichtlich viel Freude bereitet. Im Laufe des Jahres werden rund um den Rettershof weitere literarische Veranstaltungen angeboten, wie z. B. literarische Spaziergänge oder das Literatur-Programm „Früher war alles besser …?!“ am 13.05 ab 19:30 Uhr im Landgasthof „Zum fröhlichen Landmann“.

Gerd Taron

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Reiterstübchen im Landgasthof „Zum fröhlichen Landman2
Internet: http://www.zum-froehlichen-landmann.de

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