Alles kompliziert – Literarischer Wochenendgruß vom 04.09.15

Alles kompliziert – Literarischer Wochenendgruß vom 04.09.15

Liebe Leserinnen und Leser des literarischen Wochenendgrußes,

wir leben in einer sehr komplexen Welt. So vieles ist undurchschaubar und unverständlich. Im normalen Alltag haben wir immer wieder mit komplizierten Dingen zu tun. Da gibt es so viele Gesetze, die einfache Anliegen zur Wissenschaft machen. Beim Kauf von Geräten für Büro oder Haushalt muss auf so vieles geachtet und beachtet werden. Dies erlebe ich gerade bei der Anschaffung eines neuen Druckers oder in unserem Verein für Existenzgründungen. Welche bürokratischen Hürden ein angehender Existenzgründer oft überwinden muss, lässt manchmal fast verzweifeln.

Wer persönlich gute Beraterinnen und Berater kennt und findet, darf froh und dankbar sein, sich im Dschungel des Undurchsichtigen zurecht zu finden.

Nachstehend finden Sie eine Geschichte und einige Texte zum heutigen Thema

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Foto: Gerd Taron

Linie 13. Montagmorgen, 8:07 Uhr

„Fahrscheine bitte!“ Neben mir sitzt eine alte kleine Dame – bestimmt schon über 80 Jahre. Und während ich in meiner Tasche nach meinem Ticket krame, sitzt sie regungslos da.

„Werte Frau, Ihren Fahrschein bitte!“ Die alte Dame schaut den Kontrolleur an. Sie lächelt. „Ich habe keinen. Ich fahre gerade zu meinen beiden Engelchen nach Mülheim. Schauen sie, ich könnte ihnen jetzt sagen, dass, der Fahrscheinautomat viel zu kompliziert ist. Oder vorgeben, ich sei verwirrt. Oder einfach sagen, ich leide an Demenz. Wahrscheinlich würden sie mir glauben. Die Wahrheit ist aber, dass wir Ende des Monats haben. Das Geld hat schlicht nicht ausgereicht für ein Ticket. Da ich die Kleinen aber unbedingt sehen wollte, bin ich das Risiko eingegangen.“

Der Kontrolleur ist sichtlich überrascht, ihm fehlen die Worte. „Mir ging es in meinem Leben schon weitaus schlechter,“ führt die Dame fort “ aber gelogen habe ich nie. Junger Mann, schreiben sie mich ruhig auf.“ Sie hält ihm ihren Personalausweis hin. Der Kontrolleur schaut jedoch nicht auf den Ausweis. Er blickt der Dame in die Augen. Holt tief Luft. Und dreht sich um. Er geht zum Ticketautomaten und öffnet sein eigenes Portmonee. Nach ein paar Sekunden kommt er wieder zurück “ Ich habe ihnen ein Ticket gekauft – es gilt für vier Fahrten. Damit können sie ihre Enkel diese Woche zweimal sehen.“ Die alte Dame ist jetzt sprachlos.

Verfasser unbekannt

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Foto: Gerd Taron – Am Rettershof

Einfacher werden

Eine Welle überquert den ganzen Ozean
und verliert kaum Energie auf ihrer Reise.
Im flachen Wasser bricht sie sich
und läuft auf den Strand auf.
Ihre Aufgabe ist erfüllt.
Eine Pappel saugt Feuchtigkeit aus der Erde
und verbindet sie mit dem Licht des Himmels.
Und schon erscheinen unzählig viele Blätter
an ihren Ästen, jedes an seinem richtigen Ort.
Wolken ziehen tausend Kilometer über die Steppe,
stoßen dann gegen die Berge
und regnen herab auf alles, ohne Ausnahme,
und neues Leben entsteht.
In dieser Einfachheit erfüllt sich die Welt.
Ich will einfacher werden:
Eine Welle, ein Baum, eine Wolke
in der Weisheit meiner Berufung.

Ulrich Schaffer

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Foto: Wonderful photoArt by Marina Rupprecht

Reine Handarbeit

Wir stricken unser Leben.
Manche wählen ein kompliziertes Muster,
andere ein schlichtes.
Es ist ein buntes Maschenwerk
oder ein Stück in tristen Farben.
Nicht immer können wir
die Farbe selber wählen;
und auch die Qualität der Wolle wechselt,
mal weiß und wolkenflauschig,
mal kratzig und hart.
Die einen stricken liebevoll und sorgsam,
andere mühevoll und ungern.
Und so manchmal schmeißt einer
das Strickzeug in die Ecke.
Und öfters lässt du eine Masche fallen,
oder sie fällt ohne dein Zutun.
Du hast die Nadeln in der Hand!
Du kannst das Muster wechseln,
die Technik oder das Werkzeug.
Nur aufribbeln
kannst du nicht
ein klitzekleines Stück.
© Kristiane Allert-Wybranietz (*1955), deutsche Dichterin und Lyrikerin

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Ich sehne mich nach einfachen Formen, nach einer stillen, natürlichen Lebensweise, wo Herz zum Herzen spricht und wo man das Beste hat, was man haben kann, Ehrlichkeit, Liebe, Freiheit.

~Theodor Fontane~

Ich wünsche Ihnen, dass Sie wieder die Einfachheit und Unbeschwertheit für Ihr Leben entdecken – nicht nur an diesem Wochenende.

Ihr/Euer
Gerd Taron

PS: Ein Veranstaltungshinweis in eigener Sache:
Sonntag, 06.09. – ab 14:30 Uhr in Eppstein, Neufvilleturm
„Aus Liebe zum Meer“
Lesung mit den Eppsteiner Autorinnen Brina Stein und Ute Hiemann auf dem Neufvilleturm in Eppstein
Um 14:30 Uhr biete ich einen literarisch, geführten Spaziergang als Aufstieg an.
Treffpunkt: Bahnhof Eppstein vor der „Wunderbar“
Die Lesung auf dem Turm beginnt um 15:30 Uhr
Eintritt: mindestens 1 Euro als Spende zur Erhaltung des Turms.
Anmeldungen bitte an Brina Stein: brina-stein@email.de
Organisation: Eric Reumuth

Kontakt:
Gerd Taron
Langstraße 30
65779 Kelkheim-Fischbach
Tel. +49 (0) 6195-676695
E-Mail: verkauf@taron-antiquariat.de oder taron-antiquariat@gmx.de

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