Alles umsonst – Literarischer Wochenendgruß vom 24.04.15

Liebe Freunde des literarischen Wochenendgrußes,

die Werbung steckt oft voller Verheißungen. Dazu gehört zum Beispiel die berühmte ,für mich berüchtigte, Aussage: Geiz ist geil. Nach dem Motto: Gutes muss nicht teuer sein, darf nicht viel oder am besten gar nichts kosten.

Ist Geiz wirklich so sinnvoll? Sparsam sein mag durchaus sinnvoll sein, aber um welchen Preis? Wie sehen denn oft die Folgen in unserer Realität aus? Wie viele Menschen in unserem Land und anderswo auf dieser Welt arbeiten am oder gar unter dem Existenzminimum? Grund: Arbeitskraft darf nicht viel kosten. Dafür können wir billig konsumieren und unseren Wohlstand mehren – auf Kosten anderer.

Leben hat seinen Preis. Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen, damit auch andere Menschen ein lebenswertes Leben führen können?
Dazu habe ich einige Zitate und eine Geschichte ausgesucht, die neue Gedankenanstöße geben können.

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Die Zeit fährt Auto

Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehn uns mit.
Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.
Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.
ERICH KÄSTNER

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Die Bettlerin und die Rose

Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes.
Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äussern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.
Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen sass plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Es ist alles nur geliehen,
hier auf dieser schönen Welt;
es ist alles nur geliehen,
aller Reichtum, alles Geld;
es ist alles nur geliehen,
jede Stunde voller Glück,
musst Du eines Tages gehen,
lässt Du alles hier zurück.
Man sieht tausend schöne Dinge,
und man wünscht sich dies und das;
nur was gut ist und was teuer
macht den Menschen sehr oft Spaß.
Jeder möchte mehr besitzen,
zahlt er auch sehr viel dafür,
keinem kann es etwas nützen;
es bleibt alles einmal hier.
Jeder hat oft das Bestreben,
etwas Besseres zu sein,
schafft und rafft das ganze Leben,
doch was bringt es ihm schon ein?
Alle Güter dieser Erde,
die das Schicksal Dir verehrt,
sind Dir nur auf Zeit gegeben
und auf Dauer gar nichts wert.
Darum lebt doch Euer Leben,
freut Euch neu auf jeden Tag,
wer weiß auf unsrer Erdenkugel,
was der Morgen bringen mag?
Freut Euch auch an kleinen Dingen,
nicht nur an Besitz und Geld,
es ist alles nur geliehen,
hier auf dieser schönen Welt.

Max Feigenwinter

Anmerkung: Dieser Text von Max Feigenwinter wurde auch von Heinz Schenk als Chanson gesungen.

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Foto: Hans Joerg Kampfenkel

Ich wünsche Ihnen ein wunderschönes frühlingshaftes Wochenende. Kosten Sie die geschenkte Zeit aus und genießen Sie die schönen Momente des Lebens.
Ihr/Euer
Gerd Taron

PS: Hinweis auf eine besondere literarisch-spirituelle Sommertour:
https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/2015/04/23/auf-den-spuren-von-vorschau-auf-ein-literarisch-spirituelles-sommerprogramm/

Kontakt:
Gerd Taron
Langstraße 30
65779 Kelkheim-Fischbach
Tel. 06195-676695
E-Mail: verkauf@taron-antiquariat.de oder taron-antiquariat@gmx.de

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