Literarische Erntezeit – Ein Erntedankspaziergang rund um den Rettershof

Kelkheim-Fischbach, 05.10.14

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Der Nebel lichtete sich und die Sonne wollte am Nachmittag unbedingt ein heller Begleiter sein. Rund um den Rettershof auf den Streuobstwiesen wurde es literarisch.

Zur Erntezeit und am Erntedanksonntag hatte ich die Gelegenheit unbekannte Dichterinnen und Dichter, Autorinnen und Autoren in der freien Natur zu präsentieren.

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Die Linde am Rettershof

Zum Sehen geboren,
zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen,
gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne,
ich seh in der Näh
den Mond und die Sterne,
den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
die ewige Zier.
und wie mir’s gefallen,
gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
was je ihr gesehn,
es sei, wie es wolle,
es war doch so schön.

Johann Wolfgang von Goethe

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Mit Blick auf Eppenhain gab es die Geschichte „Zur Zeit der Heuernte“ von Uta Franck aus ihrem neuen Buch „Sagenhafter Main-Taunus“. Da wollte einst ein Lehrer einem Nachtwächter einen dummen Streich spielen … – Ob es ihm gelungen ist, kann man in diesem Buch nachlesen.

Bevor es zu den Streuobstwiesen ging, noch ein Gedicht von Anne M. Pützer:

HERBST.

Herbstlich ist´s,
im Land,
im Herzen.
Blattwerk fällt,
Gefühle schmerzen.
Will noch einmal farbenfroh genießen,
kosten von des Lebens Süße.
Fest den kahlen Baum umarmen.
Jahreszeit kennt kein Erbarmen.
Lebensherbst will Früchte ernten
Weitergeben vom Gelernten.
Will nicht verkümmern. Sonne spüren.
Der Erde Herz will er berühren.
Welk und nackt legt er sich nieder,
träumend, dass er kommet wieder.
Verjüngt und neu, im nächsten Leben.
Man möge ihm die Chance geben.

(Anne M. Pützer)

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Es war einmal ein Baum. Immer wieder besuchte ich in den letzten Jahren. Bei meinen vielen Spaziergängen konnte ich nicht ahnen, wie schlecht es ihm ging. Jetzt sind nur noch seine Zweige und die wenigen Rest-Äpfel zu sehen.

Dazu passt so schön das Lied, das Alexandra vor vielen Jahren einst sang (Auszug):

Mein Freund der Baum ist tot
Er fiel im frühen Morgenrot
Bald wächst ein Haus aus Glas und Steinen
dort wo man ihn hat abgeschlagen
bald werden graue Mauern ragen
dort wo er liegt im Sonnenschein
Vielleicht wird es ein Wunder geben
ich werde heimlich darauf warten
vielleicht blüht vor dem Haus ein Garten
und er erwacht zu neuem Leben
Doch ist er dann noch schwach und klein
und wenn auch viele Jahren gehen
er wird nie mehr der selbe sein.

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Ein Erntedankgedicht von mehreren wurde auf den Streuobstwiesen vorgetragen.

Eines sei davon hier erwähnt:

Apfellese

Das ist ein reicher Segen
In Gärten und an Wegen!
Die Bäume brechen fast.
Wie voll doch Alles hanget!
Wie lieblich schwebt und pranget
Der Äpfel goldne Last!

Jetzt auf den Baum gestiegen!
Laßt uns die Zweige biegen,
Daß Jedes pflücken kann!
Wie hoch die Äpfel hangen,
Wir holen sie mit Stangen
Und Haken all‘ heran.

Und ist das Werk vollendet,
So wird auch uns gespendet
Ein Lohn für unsern Fleiß.
Dann zieh‘n wir fort und bringen
Die Äpfel heim und singen
Dem Herbste Lob und Preis.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Auf dem Rückweg versuchten wir, einen Holzdieb ausfindig zu machen, der vor kurzem hier wohl sein Unwesen trieb.

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Da uns das nicht gelang, lauschten wir lieber Rainer Maria Rilke mit einem seiner bekannten Herbst-Gedichte:
Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke)

Ein schöner literarischer Nachmittag in der Natur endete an der Wegkreuzung am Rettershof.

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Gerd Taron

Alle Fotos: Gerd Taron (Wiedergabe nur mit Genehmigung gestattet)

Der nächste literarische Spaziergang, ein Klosterberg-Spaziergang, findet am Samstag, 18.10.14 von 14 bis 16 Uhr statt. Treffpunkt ist Violas Bücherwurm in der Bahnstraße 13 in Kelkheim.
Weitere Informationen unter: https://gerdtaronantiquariat.wordpress.com/

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