Die Geschichte eines Klebezettels – ein besonderes Andenken von Wilhelm Gemmer

Familie Wanke und Gerd Taron auf Spurensuche

Kelkheim, Königstein im Taunus, 19.11.2013

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Viola’s Bücherwurm in Kelkheim im Taunus, Bahnstraße 13

Es ist ein warmer Spät-Sommertag Ende August: Samstag kurz vor 14 Uhr. In wenigen Minuten schließt die Buchhandlung Viola’s Bücherwurm in der Bahnstraße in Kelkheim im Taunus  Ein Mann mittleren Alters kommt zur Tür herein. Im Schaufenster hat er antiquarische Bücher entdeckt. Das weckte sein besonderes Interesse. Er fragt Maren von Hoerschelmann, die sich bereits auf das Wochenende freut, wegen diesen Büchern. Er hätte da noch einige regionale Bücher, die er gerne abgeben möchte. Ob sie ihm denn weiter helfen könne? Kein Problem für Maren von Hoerschelmann, denn sie und die Inhaberin Viola Christ-Ritzer sind mit mir, dem Antiquar Gerd Taron, eng befreundet.

Kurz entschlossen nimmt sie das Telefon und ruft bei mir an. Zwischen Dietrich Wanke, so heißt der späte Kunde, und mir wird kurzfristig ein Termin für Montagvormittag vereinbart.

Es kommt zu einer besonderen Begegnung an jenem Montagvormittag zwischen mir und Herrn Wanke. Die abzugebenden Bücher liegen bereits mitnahmefertig auf einem Schreibtisch.. Es sollte nicht bei den Büchern bleiben.  Ein reges Gespräch entwickelt sich zwischen uns.  Mit Freude zeigt Herr Wanke mir weitere Bücher in den anderen Räumen. „Darf ich Ihnen bei der Arbeit zusehen? fragte mich interessiert Herr Wanke. Natürlich gerne – kein Problem.

Am nächsten Tag kommt es zu einem weiteren Treffen. Dabei erzählte mir Herr Wanke beiläufig eine ungewöhnliche Geschichte: Im Nachlass seines verstorbenen Vaters entdeckte er und sein Bruder Karsten Wanke in einem Aquarienbuch einen Klebezettel – ähnlich einem Ex libris – mit folgendem Text:

Zum treuen Gedenken

 

an meine liebe Frau

 

LOUISE GEMMER

 

geb. Henlein

geb. zu Königstein am 18.6.1869

gest,. zu Theresienstadt

am 11.09.1942

 

an meine liebe Tochter

 

GERTRUDE GEMMER

 

geb. zu Königstein am 2.9.1904

gest. zu Auschwitz

am 29.1,1943

 

Ehre ihrem Andenken!

 

Darunter befand sich ein Monogramm von Herrn Wilhelm Gemmer, dem Ehemann und Vater mit Datum

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Der Verfasser dieser Zeilen, Herr Wilhelm Gemmer, war der Ehemann bzw. Vater von Louise und Gertrud Gemmer. Beide wurden Opfer des Nationalsozialismus. Um ihnen ein Andenken auch weit nach ihrem Tod zu bewahren, kam er auf eine ungewöhnliche Idee:  Bücher die er verschenkte, sollten diese Widmung bekommen.

Dietrich Wanke und sein Bruder Karsten begaben sich auf Spurensuche. Sie konnten herausfinden, dass Wilhelm Gemmer,  eine Haushälterin hatte. Die Tochter der Haushälterin, Elisabeth Kurz, lebt noch heute in dem Haus in der Kirchstraße 12 in Königstein im Taunus.

Im Sommer dieses Jahres kam es zu einer bewegenden Begegnung zwischen den beiden Brüdern und Frau Kurz.

Da beide nicht im Taunus leben, bat mich Dietrich Wanke, ob ich bereit sei, an der Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Familie Gemmer mitzuwirken. Diesem Wunsch bin ich sehr gerne nachgekommen.

Von Dietrich Wanke erhielt ich die Telefonnummer von Frau Elisabeth Kurz. Ich konnte mit ihr kurzfristig einen Termin Anfang November vereinbaren. Das Gespräch dauerte drei Stunden. Es wird mir eindrücklich in Erinnerung bleiben. Die Lebensgeschichte einer Familie so anschaulich erzählt zu bekommen und das mit dem besonderen tragischen Hintergrund ist berührend und aufwühlend. Es ist eine Geschichte von Menschen, deren Leben auf grauenvolle Weise zerstört wurde.

Wie sich herausstellte, begannen Frau Angelika Rieder, Heimatforscherin aus Oberursel und Frau Kurz unabhängig voneinander die Geschichte der Familie Gemmer aufzuarbeiten.

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                                         Gunter Demnig

Am 18.11. 13 wurden von dem Aktionskünstler Gunter Demnig 18 Stolpersteine in Königstein im Taunus für die jüdischen Opfer verlegt, darunter drei für die Familie Gemmer vor ihrem Haus in der Kirchstraße 12 in Königstein im Taunus

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Das Haus der Familie Gemmer heute und vor dem 2. Weltkrieg

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Stolpersteine für Familie Gemmer

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An diesem Tag trafen sich alle Beteiligten, Angelika Rieber, Elisabeth Kurz, die Brüder Dietrich und Karsten Wanke und ich zum ersten Mal gemeinsam anlässlich dieses Ereignisses.

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Von links nach rechts: Dietrich Wanke, Karsten Wanke mit Tochter, Elisabeth Kurz (Mitte), Gerd Taron, Angelika Rieber

Es ist unser Bestreben, dass die Geschichte der Familie Gemmer weitere Konturen bekommt. Wir beabsichtigen die Lebensgeschichte im Gesamtkontext zu veröffentlichen. Dazu sind weitere Recherchearbeiten notwendig.

Wir freuen uns über jeden Hinweis. Bitte helfen Sie uns Spuren der Familie Gemmer zu finden, sei es durch Fotos, Informationen, Gegenstände aus dem Nachlass oder dem Klebezettel, der sich in den zahlreichen Büchern befindet, die Herr Gemmer verschenkte.

Gerd Taron

Weitere Informationen zu den Stolpersteinen in Königstein unter:

http://www.stolpersteine-koenigstein.de/

über Angelika Rieber:

http://www.ursella.info/Heimatforscher_OBU/Heimat_Rieber/Heimatfor_Pers_ARieber.htm

Alle Fotos: Maren von Hoerschelmann – Genehmigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung gestattet.

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