Der 9. November – Literarischer Wochenendgruß vom 08.11.13

Liebe Freunde der Kultur und Literatur,

am kommenden Samstag jährt sich zum 75. Mal die Reichsprogromnacht.

 

Spätestens in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 begannen sich die Repressalien auf die jüdische Bevölkerung zu verstärken. Die systematische Verfolgung nahm in dieser Nacht ihren schrecklichen Anfang. Synagogen wurden in Brand gesetzt, Geschäfte jüdischer Kaufleute geplündert, Menschen inhaftiert und abtransportiert in Konzentrationslagern.

 

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Mich berührt dieser Tag besonders, weil dies mit einer besonderen Geschichte verbunden ist, die ich gerade erlebe.

 

Bei einer Haushaltsauflösung kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der mir freundlicherweise aus dem Haushalt seiner Eltern Bücher überlassen wollte.

Er erzählte mir von einer ungewöhnlichen Buch-Geschichte, die ich hier gerne weitergeben möchte.

 

Eines der Bücher seines verstorbenen Vaters trug auf dem Vorsatzblatt einen kleinen eingeklebten Zettel.


Auf diesem Klebezettel befand sich folgender Text, den Sie am Ende des Wochenendgrußes  entnehmen können:

 

Zum treuen Gedenken

 

an meine liebe Frau

 

LOUISE GEMMER

 

geb. Henlein

geb. zu Königstein am 18.6.1869

gest,. zu Theresienstadt

am 11.09.1942

 

an meine liebe Tochter

 

GERTRUDE GEMMER

 

geb. zu Königstein am 2.9.1904

gest. zu Auschwitz

am 29.1,1943

 

Ehre ihrem Andenken!

 

Darunter befand sich ein Monogramm von Herrn Wilhelm Gemmer, dem Ehemann und Vater.

 

Der Bruder meines Gesprächspartners war der Geschichte dieses Zettels nachgegangen und hatte herausgefunden, dass er von dem Königsteiner Bürger Wilhelm Gemmer stammte. Seine Frau und seine Tochter waren als Jüdinnen umgebracht worden. Er selbst hatte überlebt und war nach dem Krieg nach Königstein zurückgekehrt. Voller Schmerz über den Verlust von Frau und Tochter, aber auch mit Blick auf die Zukunft kaufte er Bücher und verschenkte sie an andere, auch an Kindergärten und Schulen – jedes von ihnen versehen mit einem dieser Zettel zum Gedenken an seine Frau und seine Tochter. So muss ein „Mahnmal aus Büchern“ entstanden sein, verteilt auf die Buchregale vieler Menschen in unserer Heimat. Wo überall mögen noch Bücher mit diesem Einklebezettel unbemerkt in Bücherschränken schlummern?

 

Es ist mein Wunsch und der vieler anderer, die von dieser Geschichte Kenntnis haben, dass die Geschichte der Familie Gemmer und des Bucheinklebezettels weiter aufgearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Dieser Aufgabe möchte ich mich widmen.

 

Wer dazu beitragen kann, diese Familiengeschichte weiter zu erhellen und aus der Dunkelheit der Geschichte zu holen, möge sich bitte bei mir melden.


Am 18.11. werden in Königstein im Taunus – dort lebte die Familie – die ersten Stolpersteine zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger verlegt.

 

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In mir ist es finster,

aber bei dir ist das Licht.

Ich bin einsam,

aber du verlässt mich nicht.

Ich bin kleinmütig,

aber bei dir ist Hilfe.

Ich bin unruhig,

aber bei Dir der Friede.

In mir ist Bitterkeit,

aber bei dir ist die Geduld.

Ich verstehe deine Wege nicht,

aber du weißt den Weg für mich.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

 

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Von guten Mächten wunderbar geborgen

Dietrich Bonhoeffer

1.      Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mich euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

2.      Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen …

3.      Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen …

4.      Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen …

5.      Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen …

6.      Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Kehrvers: Von guten Mächten wunderbar geborgen …

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Das Gedicht, das Dietrich Bonhoeffer um die Jahreswende 1944/45 an seine Verlobte schrieb, wurde zigfach vertont. Hier eine Aufnahme von Siegfried Fietz:

http://www.youtube.com/watch?v=aN7dGz6NH5M

 

 Ein besinnliches Wochenende wünscht

 Ihnen/Euer

 

Gerd Taron

 Alle Fotos: Marina Rupprecht – Wiedergabe nur mit Genehmigung gestattet

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6 Kommentare zu “Der 9. November – Literarischer Wochenendgruß vom 08.11.13

  1. nextkabinett sagt:

    Hat dies auf Germanys next Kabinettsküche rebloggt und kommentierte:
    Danke, lieber Gerd, für’s Erinnern. Schön, dass dieses Datum nicht vergessen wurde. Mir umnebeln gerade due Erkältungsviren den Frontalcortex. Liebe Grüße von hier aus, Renate

  2. Martha sagt:

    Es muss eine furchtbare zeit gwesen sein! Hoffentlich lassen die Menschen das nicht wider zu, aber es ist doch ueberall Krieg und Menschen werden wegen nichts und wider nichts, gehaengt,zb. in Iran, & vielen anderen Laendern, das wir nicht lernen koennen miteinander auszukommen ist furchtbar………….

  3. Marina's illustration sagt:

    Hat dies auf N'achACHTcafé rebloggt und kommentierte:
    Gedenken an die Opfer

    Der 9. November steht im Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahre 1938, dem Auftakt für die Volksvernichtung im Dritten Reich, der nicht nur jüdische Menschen zum Opfer fielen, sondern auch aus dem Balkan stammenden Sinti und Roma.

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